Sir George Martin R.I.P. (1926-2016)

Der 5. Beatle oder Der Mann mit der uncoolen Krawatte: George Martin ist tot

Ein Nachruf

(AB) Als George Martin 1962 die Beatles unter seine Fittiche nahm, war er von ihrem Potenzial überzeugt und bald auch bereit, sie als gleichberechtigte Partner im Studio zu betrachten. So bat er sie gleich, frei von der Leber weg ihre Meinung zu äußern. Legendär ist die Überlieferung eines Zitats des jüngsten Beatles George Harrison, der daraufhin anmerkte: „Ihre Krawatte gefällt mir schon mal gar nicht.“

Damit war das Eis gebrochen. George Martin schloss die Beatles in sein Herz und wann immer man ihn – auch und gerade in späteren Jahren – auf seine Schützlinge ansprach, so antwortete er stets mit einem Leuchten in den Augen und mit Stolz auf das gemeinsam Erreichte. Und dabei blieb er immer das Musterbeispiel eines Gentleman, höflich und sehr bescheiden. Sogar als von der Queen geadelter Sir.

Und stolz konnte er wahrlich sein. Das vor allem von den Medien überstrapazierte und auf viele Personen projizierte Gerede vom 5. Beatle ist seit den Sechziger Jahren präsent. Unfug im Grunde, denn neben John, Paul, George und Ringo zählten ja auch Stuart Sutcliffe und Pete Best vor bzw. bis 1962 zu den Beatles. Aber wenn man schon diesen Titel vergeben möchte, dann hat ihn nur einer verdient: George Martin.

Er war nicht nur der Mann hinterm Mischpult, sondern manchmal sogar Teil der Band. Als herausragendes Beispiel mag hier Martins Klaviersolo in der Lennon-Komposition „In My Life“ gelten. Er nahm sich insbesondere der Songideen von John und Paul an und gab diesen durch seine Empathie und Kompetenz als Musiker, Arrangeur und Produzent oft die entscheidende Gestalt. So erinnert sich beispielsweise Paul McCartney in seinem bewegenden Nachruf daran, dass es George Martin war, der ihn davon überzeugte, dass ein Arrangement für ein Streichquartett genau das Richtige für die Melodie sei, die wenig später unter dem Titel „Yesterday“ zu einem der großen Klassiker der Musikgeschichte wurde. John Lennon war in den Jahren 1966/67 besonders experimentierfreudig, war aber, wie sonst auch für ihn üblich, kaum in der Lage seine Ideen mit Geduld sowie technischem und handwerklichem Geschick umzusetzen. Bei komplexen Songs wie „I Am The Walrus“ und „Strawberry Fields Forever“ leistete George Martin unschätzbar wertvolle Arbeit. Lennon stand nicht selten vor einem kreativen Problem, das er dann an George Martin weitergab. Ganz nach dem Motto „Du machst das schon. Am besten bis morgen.“ Und George Martin machte das. Die Beatles konnten sich auf ihn verlassen wie auf ein unverzichtbares fünftes Bandmitglied. Eines allerdings gestand sich George Martin später sogar selbst ein: Das Songschreiber-Talent George Harrisons hatte er zu spät erkannt und berücksichtigt.

Doch je weiter sich die Beatles im Studio entwickelten und von ihrem Produzenten lernten, umso mehr übernahmen sie die Regie im Kontrollraum. Gerade im Jahr 1968 kristallisierten sich durch die gereiften unterschiedlichen Persönlichkeiten der Beatles viele Probleme heraus. Dies führte dazu, dass sich George Martin zunehmend zurückzog und die dem Weißen Album folgenden „Let It Be“-Sessions gar nicht mehr betreute. Dass jenes Album unter einem schlechten Stern stand, ist hinlänglich bekannt. Als die Beatles anschließend dennoch mit dem Wunsch an George Martin herantraten, ein letztes gemeinsames Album aufzunehmen, mussten sie sich ihrem Lehrmeister beugen, der da sagte: „Wir machen’s nach meinen Bedingungen. So wie früher. Strengt euch an!“ Und die Beatles lieferten unter George Martins Führung ihr neben „Revolver“ (1966) bestes Album ab: „Abbey Road“.

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Auch nach der Trennung der Band blieb George Martin den Ex-Beatles verbunden. Er übernahm die Produktion von drei ganzen Alben seines Meisterschülers Paul McCartney („Tug Of War“, „Pipes Of Peace“ und „Give My Regards To Broad Street“) und auch bei einzelnen Songtiteln, u.a. bei dem mit einem Grammy ausgezeichneten Bond-Titel „Live And Let Die“. Für John Lennon produzierte und schrieb George Martin ein posthumes Arrangement für dessen Song „Grow Old With Me“ und auch George Harrison („All Those Years Ago“) und Ringo Starr [„Sentimental Journey“ (Album), „I’m Yours“] arbeiteten als Solokünstler mit George Martin zusammen.

George Martin hat von seiner Ausbildung an der berühmten Guildhall School of Music and Drama, über die alles entscheidenden Beatles-Jahre bis zu seinem letzten großen eigenen Werk „In My Life“ einen weiten und beeindruckenden Weg zurückgelegt. Nun ist er nach einem erfüllten Leben im hohen Alter von 90 Jahren gestorben. Auch wenn man sich dessen ständig versichert, so ist die Trauer in der Beatles-Familie und unter den Fans unglaublich groß. Vielleicht sogar so, als wäre ein Bandmitglied betroffen. Eben der 5. Beatle. Der mit der uncoolen Krawatte.

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Um mit einer persönlichen Bemerkung abzuschließen: In den vergangenen Jahrzehnten hatte ich mehrfach Gelegenheit, prominenten Persönlichkeiten zu begegnen. Manchmal ergaben sich auch kurze Gespräche mit Leuten wie Martin Sheen, Nils Lofgren, Ian Gillan, Bob Geldof, Jimmie Vaughan, Al Jardine und auch George Martins Sohn Giles, der schon längst dem Weg seines Vaters folgt und beispielsweise die Beatles („LOVE“) oder auch Paul McCartney („New“) produziert. Bei diesen Begegnungen schwang bei mir immer Aufregung mit, inbesondere wenn dieses Zusammentreffen zufälliger Art war. Doch immer gab ich mir einen Ruck und sprach denjenigen an. Anders war es im Jahr 2006, als ich in der Londoner Royal Albert Hall die Premiere des McCartney-Oratoriums „Ecce Cor Meum“ besuchte. Vor dem Beginn schlenderte ich durch das eher wenig frequentierte obere Ringfoyer der altehrwürdigen Halle. Wie aus heiterem Himmel kam George Martin auf mich zu. Kurzer Blickkontakt und ein Lächeln von ihm, aber das war es auch schon. Er ging weiter, ich blieb ungläubig stehen. Mir blieb die Spucke weg und wahrscheinlich gab ich in dem ehrfurchtserstarrten Zustand auch ein merkwürdiges Bild ab. Noch heute läuft es mir kalt den Rücken herunter, wenn ich an die Begegnung mit diesem Giganten (nicht nur, was seine körperliche Größe betraf 😉 ) zurückdenke.

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5 Kommentare zu Sir George Martin R.I.P. (1926-2016)

  1. Alex sagt:

    Sehr schöner Nachruf mein lieber Ansgar!

  2. Ralf Grote sagt:

    Wunderbare, weil so passende Worte – Danke dafür !!

  3. Frank Siegert sagt:

    Wie immer, Ansgar, … man (ich) hätte es nicht besser formulieren können …

  4. Joachim Gerke sagt:

    Ein Nachruf, der George Martin’s Person und seiner Bedeutung würdig ist. Aber ganz besonders gefällt mir der letzte Teil Deiner Würdigung, wo Du die zufällige Begegnung mit George Martin schilderst und es Dir die Sprache aufgrund des Charismas des fünften Beatles verschlug. Eine Begegnung, die Du bestimmt niemals vergessen wirst.

  5. Marino sagt:

    Feiner Nachruf, Ansgar. Der beste, den ich bisher gelesen habe.

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