2016 – Paul McCartney in Berlin

Get it – and you’re gonna get it good

„One On One“ live in der Berliner Waldbühne
14. Juni 2016

(Text + Fotos: © Ansgar Bellersen – Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung)

„You’ve got to get it … mm mm
You’ve got to get it, don’t forget
It doesn’t come around again.“

Schnapp es dir. Denk dran, dass die Gelegenheit nicht wiederkommt. So lautet der Refrain in Paul McCartneys Song „Get It“ aus dem Jahr 1982. Dieser Gedanke geht mir durch den Kopf, als es heißt, dass der Ex-Beatle im Mai und Juni 2016 für drei Konzerte nach Deutschland kommen wird. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen ich gleich mehrere Konzerte einer McCartney-Tournee mitnahm. Die Gründe dafür sind vielfältig: stimmungstötende Saalbestuhlung ist mittlerweile Standard, gute Tickets reißen heutzutage  große Löcher in den Geldbeutel und auch berufliche sowie private Verpflichtungen lassen ein derart extremes Fantum nicht mehr zu. 18 Konzerte von Paul McCartney liegen seit 1989 hinter mir, als ich mich entschließe, mir am ersten Tag des Vorverkaufs zwei Tickets zu sichern. Macca steht kurz vor seinem 74. Geburtstag und macht nur noch selten in Deutschland Station. Auch deswegen, weil seine Auftritte auf dem amerikanischen Kontinent oder in Asien um ein Vielfaches besser laufen als in Europa. Meine letzten beiden Konzerte sah ich dementsprechend in Rotterdam und Amsterdam. In seinem achten Lebensjahrzehnt hat McCartney auch selbstverständlich stimmlich längst den Zenit überschritten. In der Summe also gute Gründe anzunehmen, dass zukünftige Konzerte in Deutschland nicht sehr wahrscheinlich sein würden. So stelle ich mich darauf ein, dass mein Konzertbesuch in Berlin möglicherweise einen Abschluss darstellen könnte.

Zahlreiche PR-Kampagnen für die „One On One“-Tour beginnen Anfang März. Die Vorfreude steigt. YouTube-Videos des Tourstarts im kalifornischen Fresno Mitte April ruft aber nun die Fraktion von Fans auf den Plan, die seit vielen Jahren Paul McCartneys stimmlichen Substanzverlust beklagt und dies in den sozialen Netzwerken mit teils drastischen Worten zum Ausdruck bringt. Auch ich bin erschrocken über die stimmlichen Probleme, die McCartney im Mai bei akustisch vorgetragenen Songfragmenten während der BBC-Sendung „Master Tapes“ hat. Dies überzeugt mich umso mehr, dass das Berliner Konzert wohl mein letzter McCartney-Abend werden wird.

Die ersten beiden deutschen Konzerte finden in Düsseldorf und München statt. Die Reaktionen derer, die tatsächlich dort waren, räumen zwar nicht alle Sorgen aus, beruhigen aber doch. Aufgrund der guten Vernetzung lese ich viele Meinungen von Konzertbesuchern. Nicht eine Person ist dabei, die die stimmlichen Schwächen als so schwerwiegend beurteilt, dass sie das Erlebnis ingesamt stark abwerten oder gar unerträglich machen würden. Ich begreife schließlich, dass es Unsinn ist, von YouTube-Amateuraufnahmen auf die Qualität und den Unterhaltungswert eines Konzertes zu schließen. Dennoch bleibt eine gewisse Verunsicherung.

Am 14. Juni – vier Tage von Paul McCartney 74. Geburtstag – mache ich mich in Begleitung meines Sohnes Vincent sowie eines ehemaligen Kollegen und seiner Schwester per PKW auf den 350 Kilometer langen Weg nach Berlin. In der Schule konnte ich mir zwei Stunden freischaufeln, so dass wir etwa um 12:15 Uhr mittags loskommen. Ab diesem Zeitpunkt läuft alles reibungslos. Keine Staus halten uns auf, so dass wir gegen 16:00 Uhr den Parkplatz P07 an der Waldbühne erreichen. Auch der zwischenzeitliche Regen ist längst Geschichte. Der Himmel strahlt azurblau, und es herrscht sommerliche Atmosphäre.

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Vor den Toren der Waldbühne hat sich schon eine erstaunlich große Menge Wartender versammelt. Es mögen vielleicht 300-400 Fans sein. Dank einer vorherigen Absprache werden uns Plätze wenige Meter vor dem Eingang freigehalten. Dort begrüßen wir Erdbeerfelder-Urgestein Laura und ihren Begleiter. Wenig später vergrößert sich unsere Gruppe um weitere Freunde: Micha, Ralf und Kai kommen dazu. Langweilig wird es aus mehreren Gründen nicht. Die Stimmung ist ausgelassen, Fachsimpelei und Erfahrungsaustausch sind bei solchen Anlässen obligatorisch. Zudem ermöglicht uns das frühe Erscheinen, dem Soundcheck zu lauschen. Nicht alles bekommen wir mit, da der Wind die Schallwellen mal hierhin, mal dorthin trägt. Doch einige Songs sind klar auszumachen („Honey Don’t“, „Flaming Pie“, „Junior’s Farm“, „Drive My Car“, „C Moon“, „Let ‚em In“ und den „San Francisco Bay Blues“).

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Mit nur leichter Verspätung öffnen sich kurz nach 17:30 Uhr die Pforten. Nach der lockeren Kontrolle geht es im extremen Schweinsgalopp zur Arena. Die Waldbühne liegt unter uns, Ordner weisen uns auf die Gefahren der steilen Tribünentreppe hin. Wir nehmen das nur halb wahr und preschen in halsbrecherischem Tempo die Stufen hinunter. Vincent spielt die Trümpfe der Jugend aus, erreicht als erster den Bühnenrand und empfängt mich mit ausgebreiteten Armen. Wir sind höchst zufrieden und erklären unseren Quadratmeter in Reihe 4 oder 5 zum persönlichen Hoheitsgebiet.

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Auch die folgende Wartezeit macht uns wenig aus. Das Geschehen auf der Bühne, die sich langsam füllende Arena und um uns herum – immer gibt es etwas zu sehen. Auch die Freunde Moritz und Norbert haben sich inzwischen wenige Meter neben uns eingefunden. Um 19:00 Uhr begibt sich DJ Chris Holmes an seinen vorgesehenen Platz am rechten Bühnenrand. Umringt von den für DJs üblichen Utensilien erhebt sich eine hydraulische Bühne geschätzte vier Meter in die Höhe. Eine solche Pre-Show ist inzwischen Standard bei Paul McCartney. Eindrucksvolle biografische Filmmontagen oder Shows von Mitgliedern des legendären Cirque de Soleil gehören der Vergangenheit an. Chris Holmes mixt sich quer durch alle Phasen der Karriere McCartneys und verwendet dabei Originalaufnahmen und Coverversionen. Erste Stimmung kommt auf, als die beiden deutschen Beatles-Songs „Komm, gib mir deine Hand“ und „Sie liebt dich“ aus den Boxentürmen tönen. Mit etwas mehr Lautstärke könnte noch auch mehr Euphorie erzeugt werden, so bleibt es bei einer passablen Untermalung der Wartezeit.

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Nach 30 Minuten ist Chris Holmes’ Job zwar erledigt, doch der offizielle Beginn um 19:30 Uhr wird überschritten. Die mittlerweile volle Waldbühne bekommt Musik vom Band vorgesetzt und auf den Videoleinwänden collageartig montierte Streiflichter aus Paul McCartney bewegtem Leben. Kurz nach 20:00 Uhr verstummt endlich die Musik. Als sich auf der linken Bühnenseite Paul McCartney am Vorhang vorbeischiebt, setzen Jubel- und Kreischarien ein. Auch nach fast 20 Konzerten ist es sofort wieder da: ein elektrisierendes Gefühl und ungläubiges Staunen. Das ist Paul McCartney. In echt. Und er steht ganz nah vor uns. Und was macht die Legende selbst? Man könnte meinen, er betritt die Bühne mit der Gelassenheit und Erfahrung von mehr als 2.000 Konzerten und beinahe sechs Jahrzehnten als Live-Künstler. Sieht man aber genauer in sein Gesicht, so wird deutlich, dass dieser Mann (der so viel hinter sich hat, dass es für mehrere Leben reichen würde) jede Sekunde der ihm entgegengebrachten Zuneigung nicht ekstatisch, sondern sehr bewusst und in sich ruhend auskostet und genießt. Doch dann erinnert er sich wieder daran, warum er da ist und beginnt das Konzert nach kurzem Einzählen mit jenem mysteriösen Eröffnungsakkord, der Generationen von Gitarristen das Hirn zermarterte: „A Hard Day’s Night“ befördert die 22.000 Zuschauer zurück auf die Höhen der Beatlemania. Die dazu auf die Videowand projizierten Filmaufnahmen der unbeschwerten Beatles-Tage tun ihr Übriges. Und wieder dieses Gefühl: Das sind John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr. Und auf der Bühne ist es tatsächlich eben jener Paul McCartney – unglaubliche 52 Jahre später. Trotz Ergriffenheit bringe ich es fertig, das erste von drei Videos aufzuzeichnen:

„A Hard Day’s Night“ ist einer der bekanntesten Lennon/McCartney-Hits, der freilich zu großen Teilen auf John Lennons Songschreiber-Konto geht. Nur selten bringt Paul McCartney Songs seines früheren Partners auf die Bühne. Das geht grundsätzlich in Ordnung, verfügt er selbst doch über einen unfassbaren Songkatalog. Bunt gemischt wie das in diesen Tagen erschienene Best Of-Album „Pure McCartney“ ist auch das Konzertprogramm.

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So geht es nun von 1964 ins Jahr 2013. Vor drei Jahren erschien „New“, das letzte Studioalbum des Mannes mit der Höfner-Violine. Darauf findet sich der Rocker „Save Us“, der das vorgebenene Tempo des ersten Songs hochhält und gleichzeitig eine Brücke in die Gegenwart schlägt. So geht es im Zickzack-Kurs vor und zurück. Auf „Save Us“ folgt „Can’t Buy Me Love“, das oft schon im Programm war, aber stets zuverlässig zündet. Nach den ersten drei Songs nehme ich hoch erfreut zur Kenntnis, dass der Sound weder zu laut, basslastig, verzerrt noch sonstwie undifferenziert ist (Kritik wurde im Speziellen von Besuchern des Düsseldorfer Konzertes laut), sondern ausgesprochen gut. Noch mehr Freude bereitet mir der nächste Song: „Letting Go“ stammt vom 1975er Werk „Venus And Mars“, denn schließlich war es dieses Album, das mir 1980 endgültig die Paul McCartney-Welt öffnete. Video Nummer 2:

„Letting Go“ groovt, kommt mit Druck und Verve daher. Der nächste Stilbruch steht aber mit „Temporary Secretary“ schon in den Startlöchern. Von Paul McCartney auf Deutsch mit „Der nächste Song ist elektronisch“ angekündigt, steht „Temporary Secretary“ stellvertretend für ein Album, das späte Anerkennung erfuhr: „McCartney II“. Auch wenn es nicht jedermanns Sache ist, lässt es sich McCartney seit der letzten Tour nicht nehmen, dieses sperrige Stück zu spielen. Ein Dauerbrenner ist dagegen „Let Me Roll It“, seit Jahren im Verbund mit einem Jam zu Jimi Hendrix‘ „Foxy Lady“-Riff gespielt, bei dem McCartney auch mal als Sologitarrist glänzen kann. Ich persönlich mag es zwar noch beim gefühlt 421. Mal hören, aber ich könnte zur Abwechslung auch darauf verzichten. Ein nächstes Highlight ist für mich „I’ve Got A Feeling“ vom „Let It Be“-Album. Wie üblich übernimmt McCartneys Leadgitarrist Rusty Anderson den Gesangspart John Lennons.

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Nun wechselt Paul McCartney zum ersten Mal an den Flügel. Erfreulich finde ich, wenn er neuere Songs für eine längere Zeit im Programm behält. Dies ist inzwischen der Fall bei „My Valentine“, das der Ex-Beatle auch heute wieder als ein Stück ankündigt, das er für seine Frau Nancy geschrieben hat. Da ich „My Valentine“ zu McCartneys besten Songs des neuen Jahrtausends zähle, nehme ich auch dieses Stück per Video auf:

Lange gehörte „Nineteen Hundred And Eighty-Five“ zu den unbekannten Perlen des „Band On The Run“-Albums. Paul McCartney spielt den Song zwar seit ein paar Jahren, doch durch den vor wenigen Wochen erschienenen Remix des Duos Timo Maas und James Teej ist er aktueller denn je. Zu den überraschendsten Liveversionen von McCartneys Songs aus Beatles-Tagen zählt „Here, There And Everywhere“, das 2016 erstmals als Piano-Arrangement auf die Bühne gebracht wird und mir ausgezeichnet gefällt. Während Paul McCartney „Here, There And Everywhere“ häufig als seinen besten Song bezeichnet, so ist das nächste Stück „Maybe I’m Amazed“ mein McCartney-Favorit der langen Post-Beatles-Ära. Auch wenn mich bis zu diesem Punkt im Konzert Paul McCartneys Stimme nicht enttäuscht hat, habe ich vor „Amazed“ ein bisschen Angst, denn mir sind die Probleme bei diesem Song während des Amsterdam-Konzertes 2015 noch zu gut in Erinnerung. Schon der Einstieg kann scheitern, doch McCartney meistert das Stück besser als man es von einem Mann seines Alters und seiner Stimmlage erwarten kann. Nicht nur ich bin begeistert, sondern auch den Bandmitgliedern merkt man es an, dass sie offenbar darüber erfreut sind, dass ihr Chef einen guten Tag erwischt hat.

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Seit Mitte der Siebziger Jahre (die 1979er Wings-Tournee ausgenommen) gehört ein Akustikset in jedes McCartney-Konzert. Heute eröffnet „We Can Work It Out“ einen Reigen von insgesamt sieben akustischen Songs. Das darin enthaltene zweite Stück ist „In Spite Of All The Danger“ und wird von Paul McCartney als das erste Stück angekündigt, das unter dem Namen Beatles aufgenommen wurde. Es mutet schon etwas eigenartig an, dass McCartney bedeutende Daten nicht in seiner Erinnerung hat, denn „In Spite Of All The Danger“ entstand zwar mit George Harrison und John Lennon, wurde aber 1958 aufgenommen, zu einer Zeit, als sie sich noch Quarrymen nannten. Doch das fällt nur den Nerds auf. Die Menge singt lauthals die Harmonien mit.

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Von den drei folgenden Songs „You Won’t See Me“, „Love Me Do“ und „And I Love Her“ ist es besonders „Love Me Do“, das besondere Erwähnung verdient. Es kommt nicht nur gut beim Berliner Publikum an, sondern geht auch emotional in die Tiefe, denn diese erste Beatles-Single widmet Paul McCartney dem am 8. März 2016 verstorbenen Produzentengenie und oftmals als 5. Beatle bezeichneten George Martin.

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Doch es wird noch emotionaler und intimer. Die Band zieht sich zurück und Paul McCartney betritt alleine eine der Hauptbühne vorgelagerte quaderförmige Hebebühne, die sich nach den ersten Takten von „Blackbird“ erhebt. Der zweite Song, den McCartney hoch oben auf dem Podest spielt, ist „Here Today“. Jenes Stück von 1982, das er als einen Dialog mit John Lennon betrachtet, den er zu dessen Lebzeiten nicht mehr führen konnte. Stille und kollektive Rührung. Wieder einmal geht einem eine Vielzahl von Bildern durch den Kopf. Stationen aus dem persönlichen Fan-Dasein und der kaum fassbaren Vergangenheit und Persönlichkeit des Mannes, der dort oben geradezu symbolisch einsam steht und 22.000 Menschen in seinen Bann zieht.

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Nachdem die Bühne heruntergefahren ist und sich die Band wieder versammelt hat, werden im Block die zwei bekanntesten Stücke des letzten Albums gespielt: das in der Liveversion überaus dynamische „Queenie Eye“ und der Titelsong „New“.

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Wenn der Ex-Beatle schon an seinem sogenannten Magic Piano Platz genommen hat, dann dürfen auch „The Fool On The Hill“ und „Lady Madonna“, die Hommage an alle Mütter, nicht fehlen. Keine großen Überraschungen also, aber immer wieder gern gehört.

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Die aktuellste Nummer im Set ist „Four Five Seconds“, im Original aufgenommen mit Rihanna und Kanye West – und aus dem gleichen Grund nicht wenig umstritten. Doch der Song hat nicht ohne Grund Hitpotenzial und wird auch vom Publikum positiv aufgenommen, nicht zuletzt durch das deutlich erdiger klingende Arrangement. Dennoch wird „Four Five Seconds“ wohl nie zu meinem Kreis der Favoriten gehören. Anschließend geht die Reise wieder weit zurück, und zwar zu „Eleanor Rigby“, der einsamen Dame vom 1966er „Revolver“-Album. Live wird McCartney hier von Rusty Anderson und der  Schlagzeuger-Wuchtbrumme Abe Laboriel jr. im Harmoniegesang unterstützt. Es folgt der zweite und letzte Lennon-Song des Abends. „Being For The Benefit Of Mr. Kite“ vom epochalen „Sgt. Pepper“-Album ist auch kein Neuling mehr, erhielt für die aktuelle Tour aber eine neue, leicht psychedelisch angehauchte Lightshow.

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Als George Harrison-Fan geht mir seit dem Besuch des „Concert for George“ im Jahr 2002 Paul McCartneys Tribut an den zweiten viel zu früh verstorbenen Beatle stets sehr nah. McCartney spielt auch heute sein Arrangement von diesem ganz besonderen Gedenkkonzert. Die altbekannte „Ich weiß ja nicht, ob ihr es wusstet, aber George war ein sehr guter Ukulele-Spieler“-Ansage … geschenkt! McCartney weiß dieses Stück unglaublich gefühlvoll zu interpretieren und nicht zuletzt die (teilweise neuen) Bilder von George und Paul auf der großen Videowand treffen mitten ins Herz und lassen regelmäßig die Augen feucht werden.

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Das folgende „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ ist nicht gerade musikalische Feinkost für viele Fans. Eine einzige Tour mit dem Song, an denen sich die Beatles in unzähligen Takes die Zähne ausbissen und insbesondere Lennon und Harrison nervlich zermürbten, hätte mir persönlich mehr als gereicht. Doch seit der Premiere im Jahr 2009 rastet die Mehrheit des Publikums zu der Schunkelnummer verlässlich vor Begeisterung aus.

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Die verbleibenden Songs des Abend sind Stücke, die mit Ausnahme von „Hi Hi Hi“ und „Birthday“ (im Zugabenblock) seit Jahren gesetzt sind. Langweilig, könnte man annehmen, aber gerade das letzte Drittel bringt die Massen in Wallung. Hier entfalten sich erst recht das Gemeinschafts- und Glücksgefühl und der Moment in dem man meint, dass der Weltfrieden zumindest kurz möglich ist. So treffend wird es der SPIEGEL im Nachhall des Berliner Konzertes formulieren. „Band On The Run“, das aufwendig durchkomponierte Titelstück des für viele besten Wings-Albums blickt zurück in die schwierige Anfangsphase der Wings, aus der die damals zu einem Trio geschrumpfte Band schließlich triumphal hervorging.

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Wenn ein Triebwerkgeräusch während eines McCartney-Konzertes immer lauter wird, dann weiß man, dass kein Flughafen in der Nähe ist. Vielmehr ist nun klar, dass es „Back In The U.S.S.R.“ geht. Dorthin, wo einen die ukrainischen Mädels aus den Socken hauen. Und so weiter. Nach ungefähr zwei Stunden Konzertdauer steuert der Adrenalinspiegel seinem Höhepunkt zu, selbst wenn kurzzeitig wieder ein paar Gänge heruntergeschaltet wird. „Let It Be“ taucht die mittlerweile im Dunkeln liegende Waldbühne in ein Handylampen-Lichtermeer und beschert wohlige Schauer. Beim nächsten Stück wird aus allen Rohren gefeuert:

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Das Pyro-Spektakel zur Bond-Nummer „Live And Let Die“ wird nie langweilig. Ich ertappe mich dabei, wie ich nicht nur sehnsüchtig die Feuersalven und die damit verbundene Hitzewelle erwarte, sondern auch genussvoll den Schwefelgeruch der direkt vor uns liegenden Kanonen inhaliere. Klingt komisch, ist aber so.

Nun aber einer der beiden Songs, ohne die kein McCartney-Konzert auskommt: „Hey Jude“ bildet den Abschluss des Hauptteils dieses Abends. Setzt einmal der „Naaaa, naa, naa, nananana, nananana … Hey Jude“-Chorus ein, gibt es kein Halten mehr. Die Massen sind komplett mobilisiert, stimmen ein und singen, als gäbe es kein Morgen mehr. Und weil das so ist, steht nun das Publikum wörtlich im Rampenlicht. Grelle Scheinwerfer erleuchten die Arena, Kameras halten die Bilder in Nahaufnahmen fest und projizieren diese an die große Videowand. Wer Glück hat, entdeckt sich dann auch dort.

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Wenn Paul McCartney und Band dann schließlich die Bühne verlassen, wissen die meisten, dass nun noch gut 20 weitere Minuten folgen. Derweil vertreibt sich das euphorische Publikum die Zeit damit, den „Hey Jude“-Chorus einfach so lange weiterzusingen, bis die Band wieder zurück ist. Wie üblich, ist es eine Rückkehr mit einer Respektsbezeugung dem gastgebenden Land gegenüber: McCartney schwenkt eine riesige deutsche Flagge, „Wix“ Wickens die des Vereinigten Königreichs.

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Eine dritte Flagge ist dann keine sympathische Höflichkeit mehr, sondern ein klares politisches Statement. Die Band kommt geschlossen an den Bühnenrand und präsentiert die LGBT-Regenbogenfahne. Die Minen werden dem aktuellen Anlass entsprechend ernst, als Paul McCartney den Opfern und Angehörigen des furchtbaren Attentats von Orlando gedenkt und Solidarität und Respekt einfordert.

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Es ist von der Stimmung her nur passend, dass an dieser Stelle nicht gleich hemmungslos weitergerockt wird, sondern zunächst ein ruhiges Stück folgt: „Yesterday“, vielleicht nicht unbedingt McCartneys ultimatives Meisterwerk, aber zumindest sein Song für die Ewigkeit.

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Im Zugabenblock kommen mit „Hi Hi Hi“ schließlich noch einmal die Wings zu Ehren. An dieser Stelle hoffe ich, dass McCartney an einen alten Weggefährten erinnert. Kurz vor Konzertbeginn erfahren wir über eine Facebook-Nachricht, dass Henry McCullough, der erste Wings-Leadgitarrist, verstorben ist. Henry erlitt Ende 2012 einen schweren Herzinfarkt und war seitdem ein Pflegefall. Die Wings nahmen 1972 „Hi Hi Hi“ auf und der in den Blues vernarrte McCullough veredelte den Song mit diversen Bottleneck-Soli, die heute von Brian Ray gespielt werden. Doch McCartney verzichtet auf eine Erwähnung. Erst am folgenden Tag veröffentlicht er ein ausführliches und tief empfundenes Statement des Beileids.

Es haben sich in den letzten Jahren bei McCartney-Konzerten zwei Dinge eingebürgert, die größtenteils auch zusammenhängen. Vor allen Dingen auf dem amerikanischen Kontinent, mittlerweile aber auch in Europa, schleppen viele Fans Unmengen von selbstbeschrifteten Plakaten mit ins Konzert. Da gibt es diejenigen, die dadurch einfach nur ihre Zuneignung zum Ausdruck bringen wollen. Ein anderer, prozentual nicht kleiner Teil, schreibt Plakate mit einem Inhalt, der zum Ziel hat, zu McCartney auf die Bühne geholt zu werden. Dort locken z.B. eine Umarmung, ein Autogramm oder McCartneys Segen zu einem dort angenommenen Heiratsantrag. Die Menschen werden in diesem Ansinnen zum Teil sehr kreativ. Am heutigen Tag ist es ein Vater mit seinem jungen Sohn, beide in Sgt. Pepper-Uniformen gewandet und extra aus dem fernen Japan angereist. Dieser Trip führt dazu, dass der Junge fünf Tage lang seinen Schulunterricht verpasst. Paul McCartney soll nun die auf ein Plakat geschriebene Entschuldigung signieren.

Manchmal denke ich, dass diese Audienzen nicht zur Gewohnheit werden sollten. Aber hier erlebe ich einen derartigen Vorgang zum zweiten Mal (wenn mich nicht alles täuscht), und so wie es abläuft, finde ich es rührend, sympathisch und das Verhalten McCartneys sehr authentisch.

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Nach „Birthday“, ein Vorgriff auf McCartneys bevorstehendes eigenes Wiegenfest und dritter Song des Weißen Albums an diesem Abend, geht es auf das feierliche Finale zu. Nichts konnte einen besseren Schlusspunkt hinter die Karriere der Beatles setzen, nichts ist geeigneter um ein Konzert von Paul McCartney zu beenden als das Medley von „Abbey Road“, Seite 2: „Golden Slumbers/Carry That Weight/The End“. Eine momumentale Melodie, monumentales Kopfkino – vom sanften Beginn am Piano, über die sich episch duellierenden drei Sologitarren bis zur einfachen, aber doch so klugen Botschaft, für die die Beatles standen:

„And in the end
The love you take
Is equal to the love you make.“

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Paul McCartney nimmt lange den kaum enden wollenden Jubel des Publikums entgegen und ist wie auch sonst der letzte, der die Bühne verlässt. Das Konzert ist vorbei, Konfettiregen weht durch das weite Rund. Das ist der Moment, in dem jeder einfach nur glücklich über das ist, was er oder sie gerade erlebt hat.

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Der nächste Tag ist ein Arbeitstag. So bleibt uns keine Zeit, die Abfahrt hinauszuzögern. Doch der Innenraum und die Tribünen leeren sich nur langsam, so dass wir noch ein Weilchen mit Moritz und Norbert zusammenstehen.

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Moritz und ich sind nicht unkritische, aber dennoch unverbesserliche McCartney-Fans. Interessant waren aber die Rückmeldungen zum Abend von Norbert und Vincent. Norbert, unfassbar guter Lennon- und Harrison-Interpret als Sänger der Tribute-Band The Faires, respektiert Paul McCartney auf seine Weise, jedoch steht er ihm in einer Hassliebe sehr kritisch gegenüber. 2o16 hat er sich nun doch dazu aufgerafft, ein McCartney-Konzert zu besuchen.  Mein Sohn Vincent hat mit mir diverse Konzerte von Roger Waters, über die Arctic Monkeys, Status Quo bis hin zu Kula Shaker besucht. Natürlich auch Paul McCartney. 2003 mit (noch) sieben Jahren zum ersten Mal, dann 2010 in der Hollywood Bowl und schließlich 2012 in Rotterdam. Mein Angebot, mit nach Berlin zu kommen, nahm er nur zögerlich an. Kula Shaker war ohnehin der Höhepunkt seiner persönlichen Konzertgänger-Geschichte. Aber er entschied sich für Berlin, für McCartney. Im Konzert merkte ich am gewissen Stellen (z.B. „Something“), wie ergriffen er war. Aber seine abschließenden Worte hätte ich nie erwartet: „Das war das beste Konzert meines Lebens.“

Nun aber müssen wir sehen, dass wir nach Hause kommen. So langsam schieben wir uns mit der Masse die Tribünentreppe hoch, werfen einen letzten Blick zurück, essen einen kleinen Snack und nehmen als Souvenir noch ein Konzertprogramm mit. Der Adrenalinspiegel ist unverändert hoch, so dass es bei der Rückfahrt für mich am Steuer keine nennenswerten Probleme mit Müdigkeit gibt. Gegen 3:15 Uhr morgens kommen wir wieder in der Burg an.

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Was bleibt als Erkenntnis? Die letzten Zeilen des Abends werden vor dem stimmungsvollen (Video-)Hintergrund eines Sonnenaufgangs gesungen. Nach einem Konzert, das erneut an der 3-Stunden-Marke nagt, geht in mir innerlich ebenfalls die Sonne auf – und gewissermaßen auch ein Licht: Paul McCartney hat es allen Bedenken zum Trotz wieder einmal geschafft. So wie Bill Murray in „Groundhog Day“ täglich um 6:00 Uhr von „I Got You Babe“ geweckt wird, so sind nach einem McCartney-Konzert für mich alle Zweifel immer wieder aus dem Weg geräumt und damit auch alle Vorsätze, dass dies wohl das letzte Konzert für mich sei. Wobei ich das natürlich relativieren muss, weil Deutschland scheinbar nicht mehr erste Wahl ist, wenn eine McCartney-Tour vorbereitet wird.

Es ist nicht so, dass mir McCartneys Stimmprobleme in YouTube-Videos nicht auffallen. Jeder muss selbst entscheiden, ob er oder sie einen McCartney live sehen möchte, der stramm auf die 80 Jahre zugeht. Nur habe ich für mich eingesehen, dass ich es lieber mit der großen Fußballweisheit Adi Preißlers halte: „Entscheidend ist auf’m Platz!“ Mir sind Schwächen im Set aufgefallen. Natürlich. Und das ist wörtlich zu nehmen. Natürlich lässt in diesem Alter die Stimme nach. Aber es war marginal. In der Summe funktioniert es dort, wo es drauf ankommt: im Konzert. Die Leistung, die Paul McCartney mit 74 Jahren abliefert, ist beispiellos und er macht auf mich nicht den Eindruck, als würde er sein obligatorisches „See you next time!“ nicht ernst meinen.

Und wenn sich Paul McCartney wieder einmal ankündigt, was dann?

You’ve got to get it, and you’ve got to get it good.

Wer weiß, vielleicht mache ich die 20 ja doch noch voll.

Setlist aus Berlin, Waldbühne – 14. Juni 2o16

A Hard Day’s Night
Save Us
Can’t Buy Me Love
Letting Go
Temporary Secretary
Let Me Roll It / Foxy Lady
I’ve Got a Feeling
My Valentine
Nineteen Hundred and Eighty Five
Here There and Everywhere
Maybe I’m Amazed
We Can Work It Out
In Spite Of All The Danger
You Won’t See Me
Love Me Do
And I Love Her
Blackbird
Here Today
Queenie Eye
New
The Fool on the Hill
Lady Madonna
FourFiveSeconds
Eleanor Rigby
Being for the Benefit of Mr Kite
Something
Ob-La-Di, Ob-La-Da
Band on the Run
Back in the USSR
Let It Be
Live And Let Die
Hey Jude

Zugaben:

Yesterday
Hi Hi Hi
Birthday
Golden Slumbers – Carry That Weight – The End

19 Kommentare zu 2016 – Paul McCartney in Berlin

  1. Andi sagt:

    Sehr schöner Bericht!! Danke für deine Mühe, dass du uns an dem tollen Konzert teilhaben lässt 🙂 Dir sind richtig schöne Fotos gelungen!

    Ps Für mich ist YESTERDAY Pauls Meisterwerk 🙂 grins..

    Grüße

  2. Martin sagt:

    Lieber Ansgar,
    mein größtes Kompliment für diesen mitreißenden Bericht sowie die sehr gelungenen Fotos und stimmungsvollen Mitschnitte! Das ist mal wieder PURE BELLERSEN!

    Viele Grüße,
    Martin

  3. Micha sagt:

    Ansgar, ein großes Dankeschön für den Artikel!

  4. Lieber Ansgar, ich möchte mich den Vorrednern anschließen und Dir von Herzen danken für diesen berührenden Abschlussbericht.

  5. Stefan sagt:

    Sehr schöne und treffende Konzertkritik. Tipp für ein nächstes Konzert in der Waldbühne: Nutze den Nebeneingang, da ist weniger los, man erreicht alles genauso schnell und wenn man sich dort ein paar Meter von der Glockenturmstraße ins Gebüsch verkrümmelt, kann man wunderbar beim Soundcheck zuhören. 🙂

  6. Joachim Gerke sagt:

    Ein sehr anschaulicher Bericht und sehr schöne Fotos. Vielen Dank für diese Fleißarbeit.

  7. Uwe Menze sagt:

    Super Bericht, tolle Fotos, Spitzenmäßig!

  8. Was soll man dazu noch weiter sagen … unnachahmlich, unverbesserlich, unkopierbar … einfach ein klasse Bericht, und dabei ist es egal, ob es um Düsseldorf, München oder Berlin geht … Ich drücke uns die Daumen, dass DU, lieber Ansgar, vielleicht noch weitere Berichte schreiben „musst“ 😉

  9. Sylvia Ehrenberg sagt:

    Super geschrieben und bildtechnisch dokumentiert! ! Vielen Dank dafür! !Ich würde den Bericht gern teilen. .. Is das okay? ☺

  10. Andrea Noack sagt:

    Danke, Ansgar – das hast du wahrlich treffend formuliert. Genauso war’s und genauso habe ich es empfunden. Fast wörtlich finde ich Passagen aus meinem Beitrag, den ich heute Vormittag an das Beatlesmuseum geschickt habe.
    Immer wieder kommen mir die Tränen, beim Schreiben und auch jetzt beim Lesen deines Berichtes. Was haben wir doch für ein Glück, das erlebt zu haben.
    Viele Grüße
    Andrea aus dem „Yeahsterday“-Buch

  11. George Perl sagt:

    Super Bericht und tolle Fotos.
    Vielen Dank, Ansgar

    Beste Grüße
    George

  12. Marino sagt:

    Wie immer, mein Lieber, ist das ein sehr, sehr schöner Bericht. 🙂

    Das Schöne an deinen Konzertreviews ist, dass man dein Herzblut immer erkennt, dass du in die Zeilen steckst. Und dass die Berichte sowohl für Normal-Fans als auch für Nerds sehr aufschlussreich und interessant sind.
    Gespickt mit extrem gelungenen Fotos und Videos (wie auch immer du das hinbekommst – im Vergleich zu anderen YT-Vids).

    Danke.

    Liebe Grüße
    Marino

  13. Dafür gibt es ein Riesenkompliment!!! Man erlebt es dadurch noch einmal. Toll, dass wir in Berlin waren!

  14. Sabine sagt:

    Ein sehr ausführlicher Bericht, der in vielem meinen Eindrücken entspricht. Eine Anmerkung nur: war es nicht der Titel „And I Love Her“, den er George Martin an diesem Abend gewidmet hat? So hatte ich es in meiner live vor Ort angefertigten Set-List jedenfalls vermerkt. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege.
    Gruß ladymadonna (Sabine)

    • Sabine sagt:

      Edit: Ach nee, stimmte doch, sorry, habs mir nochmal angesehen. Paul sagte auf Deutsch „den letzten Song…“ und ich hatte live verstanden „den nächsten Song…“ 🙂 Alles klar, war doch „Love Me Do“.

  15. Manfred sagt:

    Ein sehr emotionaler Bericht der alles beschreibt was wichtig ist.
    Ich war im Düsseldorf Konzert und war total begeistert.
    Mit nun fast 69 bin ich Beatles Fan der ersten Stunde und das wird auch immer so bleiben

  16. Martin sagt:

    Herzlichen Dank für den Bericht und die Bilder.
    Ich habe Paul das erste mal gesehen. Wenn ich an das Konzert denke,
    schwebe ich noch immer auf Wolke 7.

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