2014 – The Sound of Abbey Road

One sweet dream came true …

(Text + Fotos: © Ansgar Bellersen – Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung)

Als ich vor etlichen Jahren die Möglichkeit hatte, die wuchtige und ambitionierte Buch-Edition „Recording The Beatles“ zu begutachten, konnte ich nicht ahnen, dass irgendwann dieses Werk für mich der Schlüssel sein würde, in genau dem Raum Gast sein zu dürfen, in welchem die Beatles den Großteil ihrer Songs aufnahmen: Abbey Road, Studio 2.

Brian Kehew und Kevin Ryan, die Autoren von „Recording The Beatles“, hielten im mittlerweile dritten Jahr hintereinander eine Vortragsreihe in den legendären Räumlichkeiten an der Abbey Road: jeweils zwei Termine an sechs Tagen. Ließ mich zuvor noch der stattliche Eintrittpreis von umgerechnet ca. 110 Euro zögern, packte ich in diesem Jahr die seltene Gelegenheit beim Schopf und bestellte ein Ticket für Samstag, den 3. Mai um 15:00 Uhr. Schon viele Male besuchte ich die Abbey Road und schaffte es sogar einmal bis in den Empfangsraum, aber nun sollte sich ein süßer Traum erfüllen.

Am Veranstaltungstag trenne ich mich von meiner Frau, die – warum nur? – etwas anderes unternehmen will. Ich dagegen bin mit Erdbeerfelder-Freund Alex verabredet, der wie ich dem Ereignis entgegenfiebert. Pünktlich um 10:00 Uhr begrüßen wir uns am Piccadilly Circus. Dem guten Alex, der zuvor noch nicht in London war, schlage ich eine kurze Beatles-Tour vor. Viel Zeit haben wir nicht, doch es reicht, um die wichtigsten Stätten in Londons Zentrum zu Fuß abzuklappern. Wir fangen dort an, wo (zumindest symbolisch) die Ära der Beatles ihr Ende fand: Savile Row, Hausnummer 3. Auf dem Dach des Gebäudes, in dem sich einst die Zentrale des Beatles-Labels „Apple“ befand, traten die Beatles am 30. Januar 1969 ein letztes Mal live auf. Zweifelsohne der Höhepunkt des „Let It Be“-Films. Leider vollzieht sich nach langen Jahren ohne nennenswerte Veränderungen ein Wandel: Die berühmte Eingangstür ist nicht mehr sichtbar. Ein großes Gerüst verdeckt das gesamte Erdgeschoss. Hier wird eine „Abercrombie Kids“-Boutique entstehen. Sehr schade um diese bedeutende Beatles-Sehenswürdigkeit. Immerhin bleibt der Blick Richtung Dach frei und unverändert.

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Der nächste Stopp ist das Bag O’Nails. In diesem Live-Club zelebrierte Jimi Hendrix 1966 einen seinen ersten Auftritte in England. Doch bekannter ist dieser Ort dafür, dass sich hier Paul McCartney und Linda Eastman zum ersten Mal begegneten. In den zurückliegenden Jahren konnte man nur anhand der Hausnummer erkennen, dass sich dort das Bag O’Nails befunden hatte. Anfang 2013 jedoch wurde hier unter dem alten Namen ein exklusiver Members Only-Musikclub eröffnet. Für die bedeutsame Vergangenheit des Bag O’Nails hat die junge Generation übrigens nur ein müdes Lächeln übrig. Sie steht lieber Schlange, um in die benachbarte Boutique „Drop Dead“ zu gelangen. Der Besitzer, seines Zeichens Sänger der Metal-Band „Bring Me The Horizon“, hält dort an diesem Tag nämlich Audienz. Wir schütteln greisenhaft unsere Häupter.

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Anschließend schlendern wir durch die Carnaby Street und gelangen schließlich zum ehemaligen Büro von Beatles-Manager Brian Epstein (NEMS Enterprises) in der Argyll Street:

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Direkt links daneben steht das London Palladium. Heute ein Musical Theater, damals ein Veranstaltungsort, in dem die Beatles mehrfach auftraten:

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„Not only but also“ war eine populäre BBC-Comedyshow. 1966 hatte John Lennon in dieser Sendung (wie übrigens auch 1964) einen Gastauftritt. Er mimte einen Portier für die öffentliche Toilette in der Broadwick Street (→ Link). Keine Frage, dass auch in diesem Jahr das Foto nachgestellt werden muss:

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Nur ein paar Gehminuten und wir sind in Soho. In einer schmalen Gasse – St. Anne’s Court – ist auch heute noch das kleine und unscheinbare Trident Studio. Die Beatles waren praktisch mit dem EMI Studio an der Abbey Road verwachsen. Doch ein paar wenige Ausnahmen machten sie. Die berühmteste davon: „Hey Jude“. Den Song nahmen sie nämlich im Trident Studio auf. Auch später entstanden hier viele Klassiker der Rockgeschichte: George Harrisons „My Sweet Lord“ (und andere Songs des „All Things Must Pass“-Albums), Ringo Starrs „It Don’t Come Easy“ und Werke von Größen wie David Bowie, T. Rex, Queen, Supertramp, Frank Zappa, Elton John, Rolling Stones und viele mehr. 2009 hatte ich das Glück den Kontrollraum des Studios besichtigen zu können. Heute steht zwar zufällig und nur kurz die Tür offen, aber wir kommen nicht weit. Überall Baustaub, Gerüste, Planen und von irgendwo her sind Stimmen von Handwerkern zu vernehmen.

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Wir gehen weiter und sind schnell am Soho Square, wo sich Paul McCartneys Büro MPL  befindet. Auch am Soho Square wird saniert. Ein großer Bauzaun versperrt die Sicht, so dass ich nur aus einer Extremperspektive das Gebäude fotografieren kann:

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Inzwischen ist Mittagszeit und wir haben nichts dagegen, eine kleine Mahlzeit zu uns zu nehmen. Nur einen Steinwurf enfernt, in der Soho Street, gibt es Abhilfe: „Govinda“, ein von Hare Krishna-Devotees geführtes vegetarisches Restaurant lockt mit allerlei Leckereien. Im gleichen Gebäude hat sich der Radha Krishna Temple eingerichtet. Zur Erinnerung: George Harrison nahm zwischen 1969 und 1971 mit Mitgliedern des Radha Krishna Temple ein (auf Apple erschienenes) Album auf, das mit „Hare Krishna Mantra“ sogar einen Hit abwarf.

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Gut gestärkt setzen wir unseren Weg fort, fahren eine Kurzstrecke mit der Tube und steigen an der Baker Street aus. Hier gibt es zwei für uns interessante Sehenswürdigkeiten. Zunächst die ehemalige Apple-Boutique, deren Fassade damals von der niederländischen Künstlergruppe „The Fool“ verschönert wurde (→ Link):

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Auch hier gibt es am Gebäude eine Gedenkplakette. Zugegeben, eine der kurioseren Art:

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Queuing – ohne das Schlange stehen geht es in London nicht. Doch die Reihe von Menschen, die wir vor dem London Beatles Store sehen, will gar nicht dort hinein, sondern in das Sherlock Holmes Museum, das sich ebenfalls in der Baker Street befindet. Allerdings ist auch der Beatles Store ist gut besucht. Wir schauen hier und da, kaufen aber nichts, denn hier ist es schlichtweg zu teuer. Tipp für Besucher: Hier gibt es viele Beatles-Artikel von kitschig bis schön zu kaufen. Absolut sehenswert sind jedoch einige im Kassenbereich ausgestellte Autogramme und Gold- bzw. Platin-Awards.

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Unsere letzte Station vor der Abbey Road ist 34 Montagu Square. Ursprünglich hatte Ringo Starr diese Souterrain-Wohnung gemietet. Paul McCartney nahm hier das Demo von „I’m Looking Through You“ auf und arbeitete an „Eleanor Rigby“. Auch Jimi Hendrix bezog diese Wohnung. Doch die Gedenkplakette dieses Hauses erinnert lediglich an John Lennon, der hier für drei Monate mit Yoko Ono lebte. Das umstrittene „Two Virgins“-Cover ist übrigens auch hier entstanden.

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Als ich mit Alex an der Abbey Road eintreffe, herrscht rund um Zebrastreifen und Studio die übliche Betriebsamkeit. Auch wir sind nicht viel besser: Ohne ein Abbey Road-Foto geht es nicht.

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Wie sich herausstellt, sind es keine gewöhnlichen Abbey Road-Touristen, die sich vor der Begrenzungsmauer des Tonstudios in stattlicher Zahl aufhalten: Das ist bereits die Schlange derjenigen, die sich wie wir Tickets gesichert haben. Wir reihen uns ein, und nach etwa einer halben Stunde Wartezeit werden wir ab 15:00 Uhr schubweise in das Gebäude gelassen. Mit jedem Meter steigt die Aufregung.

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Direkt vor der Tür zum Empfang erhalten wir einige Instruktionen: Fotos sind nur in Studio 2 gestattet, Fotos oder Filmaufnahmen während des Vortrags führen zum Ausschluss von der Veranstaltung. „The Sound Of Abbey Road“ soll exklusiv bleiben und nicht auf YouTube oder ähnlichen Plattformen landen.

Es geht durch schmale Gänge und schließlich über eine abwärts führende Treppe. An den Wänden Schwarzweiß-Fotos von Größen, die in den Abbey Road Studios wirkten. Noch einen Schlenker und wir befinden uns tatsächlich in den ruhmreichen vier Wänden von Studio 2. Erster Eindruck: Das Studio ist größer als ich es mir vorgestellt habe. Von diesem Moment an haben wir bis 16:00 Uhr ausreichend Zeit, die Räumlichkeit auf uns wirken zu lassen und auch Fotos zu machen. Nach dem Betreten lasse ich sofort den Blick nach rechts schweifen, denn hier führt die aus unzähligen Aufnahmen bekannte Treppe hoch zum hinter einer Glasscheibe liegenden Kontrollraum. Dort, wo George Martin, Norman Smith, Ken Scott, Geoff Emerick oder auch die Beatles selbst ihre hinter der Konsole saßen. Ein erster wohliger Schauer läuft über den Rücken, als ich die Stufen erklimme und den ganzen Raum erfasse (→ Bild anklicken für volle Größe):

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Links von mir sind rechtwinklig der Wand entlang historische Gerätschaften ausgestellt, die die Entwicklung der Aufnahmetechnik und –möglichkeiten in den Abbey Road Studios (zunächst ja EMI Studios genannt) dokumentieren. Ehrfürchtig begutachte ich die berühmte, von den Beatles benutzte Studer J37 Bandmaschine.

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Dann geht es vorbei an der recht großen Bühne für den Vortrag. Es folgen fünf ausgestellte Tasteninstrumente, denen man ansieht, dass sie im Pulverdampf der Musikgeschichte gealtert sind: zwei Klaviere, eine Hammond-Orgel, ein Steinway-Flügel und eine Celesta (z.B. von den Beatles bei „Good Night“ und von Pink Floyd bei „Time“ verwendet).

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Vorbei an der Tür zur Schallkammer ist die letzte Ecke des Studios einem Merchandising-Stand vorbehalten. Hier erwerbe ich die Autobiografie von Ken Scott („Abbey Road to Ziggy Stardust“) und ein Abbey Road-T-Shirt. Anschließend kosten wir die verbleibende Zeit bis zum Vortragsbeginn genussvoll aus.

Wir sind zwei von geschätzten 180 Gästen, die schließlich um 16:00 Uhr Platz nehmen. Brian Kehew und Kevin Ryan betreten die Bühne und beginnen nach einer Begrüßung ohne Umschweife ihren von einer Powerpoint-Präsentation gestützten Vortrag mit einem Zitat von George Harrison. Sinngemäß: Das alte Equipment hat den Aufnahmen einen Charme verliehen, der sich mit moderner Ausrüstung nicht reproduzieren lässt. Anschließend referieren die beiden Autoren über rund 80 Jahre Entwicklung in der Aufnahmetechnik und der entsprechenden Ausrüstung. Dabei wird klar, dass in der Abbey Road in vielen Fällen Pionierarbeit geleistet wurde. Zwischen Erklärungen, Demonstrationen und Veranschaulichungen durch Abbildungen werden auch Tonbeispiele gegeben. Als „Twist And Shout“ über die Lautsprecheranlage ertönt, kann ich mich nicht wehren: Gänsehaut! Auch die Erläuterung von Mehrspuraufnahmen am Beispiel von „I Ain’t Superstitious“ (Jeff Beck Group) ist hochinteressant. Irgendwann erhebt sich Brian Kehew und fragt ins Publikum, wer denn Klavier spiele. Alex boxt mir in die Seite. Nun denn, ich melde mich – und werde prompt mit drei weiteren Kandidaten nach vorne zitiert. Wir werden auf die drei Pianos verteilt, deren Tastaturen mit bestimmten Markierungen versehen sind. Zusammen spielen wir den fulminanten Schlussakkord von „A Day In The Life“. Ich selbst stehe an dem Klavier, mir dem die Beatles u.a. „The Fool On The Hill“ aufgenommen haben. Mir bleibt die Spucke weg.

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Einen weiteren Höhepunkt erreicht die Veranstaltung, als Special Guest Ken Scott auf der Bühne Platz nimmt und von seiner schier unglaublichen Karriere als Toningenieur in den Abbey Road Studios erzählt. Es ist ein ungeheures Privileg, diesem Mann zuzuhören. Anekdoten und interessante Informationen aus erster Hand. Einmal mehr wird deutlich, dass George Martin zwar mit Fug und Recht die zentrale Bedeutung für den Sound der Beatles hatte. Ohne die Unterstützung von Scott, Smith oder auch Emerick hätte das Werk der Beatles jedoch definitiv anders ausgesehen.

Nach gut anderthalb Stunden endet der Vortrag mit begeistertem Applaus. Noch immer herrscht keine Eile. Ich lasse mir von Ken Scott dessen Buch signieren, bekomme noch ein gemeinsames Foto und sauge ein letztes Mal die Atmosphäre auf.

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Bevor wir gehen, komme ich noch ins Gespräch mit Brian Kehew. Ich frage ihn unter anderem nach seiner Meinung zum Buch von Geoff Emerick („Du machst die Beatles!“). Kehew gibt unverblümt zu Protokoll, dass er – und er spreche da auch im Namen von Ken Scott – sehr wenig davon hält. Emerick sei ein netter Zeitgenosse, habe aber eine sehr schlechte Erinnerung. Das Buch wurde von Howard Massey beinahe romanhaft geschrieben, und zwar auf der Grundlage nur weniger Interviews mit Geoff Emerick. Mit der Wahrheit nehme es dieses Buch nicht genau.

Wenig später verlassen wir beseelt von diesem einmaligen Fan-Erlebnis die Abbey Road Studios. Drei aufregende Stunden in Studio 2, die ihr Geld allemal wert waren. Noch heute, gut drei Wochen später, muss ich das alles noch sacken lassen.

8 Kommentare zu 2014 – The Sound of Abbey Road

  1. Alexander Mehl sagt:

    Sehr eindrucksvoller Bericht und Anlass schnellstmöglich wieder nach London zu jetten, um auf den Spuren der Beatles zu wandeln. Auch wenn manches kitschig wirkt, so ist eine Reise dorthin immer ein Highlight.

  2. George Perl sagt:

    Wie immer spannend und kurzweilig geschrieben.
    Danke, Ansgar

  3. Jörg Streilein (Oemlopa) sagt:

    Hallo Ansgar,

    vielen Dank für den spannenden Bericht. Deine Gänsehautattacken kann ich gut nachvollziehen. Wäre mir auch so ergangen.
    Da ich am jetzigen Wochenende auch in London sein werde (die Queen besuchen und kleine Beatlestour) kam dein Bericht genau zum richtigen Zeitpunkt.
    Danke.

  4. joachim sagt:

    Lieber Ansgar,

    Dein Bericht hat mir sehr gut gefallen. Schön, dass Du uns an Deinem Trip nach London anteilnehmen lässt

  5. Lieber Ansgar,

    leider konnte ich meinen Bericht tatsächlich nicht mehr reaktivieren. Aber wie versprochen kann ich mich deinem Bericht voll und ganz anschließen, um nicht zu sagen: „So toll hätte ich es gar nicht ausdrücken können!“ Dein Bericht bringt sehr treffend rüber, was auch ich an diesem denkwürdigen Wochenende erlebt habe. Un d auch bei mir sind die Nachbeben dieses Wochenendes deutlich noch spürbar. Übrigens habe ich Studio 2, und das ist wirklich kein Witz, als sehr vertraut wahrgenommen. So als ob ich vorher schon dort gewesen wäre. Ich hatte ja auch, aufgrund meines Hobbys, die Räumlichkeiten schon genügend anhand von Foto- und Videomaterial quasi analysiert. Am liebsten hätte ich mir noch ausführlich die anderen beiden Studios inkl. der Regieräume ausführlich angesehen. Sollte sich jemals eine solche Gelegenheit bieten, bin ich glaube ich noch einmal am Start! Ein Traum wird bei mir aber trotz allem ein Traum bleiben müssen … einmal eine Aufnahme dort zu machen! Wobei stimmt ja nicht eine ganz kleine Aufnahme habe ich ja … one, two, three, four 😉

  6. Achim sagt:

    Sehr, sehr schön, Ansgar!

    Und hier noch ein Tipp für deine Goldene Hochzeit 😉

    http://www.abbeyroad.com/Content/Pdfs/Abbey%20Road%20Events%20Brochure%202013.pdf

  7. … ein Lesevergnügen! Mit Gänsehauteffekten! Danke für den tollen Beitrag Ansgar! 🙂

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