1976 – „Wings At The Speed Of Sound“

Wings At The Speed Of Sound

Veröffentlicht:  26. März 1976
LP: EMI 1C 062 – 97581 (Deutschland)
CD: EMI 0777 7 89140 2 0 (Digitally Remastered)

Titel:
Let ‚em In / The Note You Never Wrote / She’s My Baby / Beware My Love / Wino Junko / Silly Love Songs / Cook Of The House / Time To Hide / Must Do Something About It / San Ferry Anne / Warm And Beautiful
Bonus Tracks auf der remasterten CD: Walking In The Park With Eloise / Bridge Over The River Suite / Sally G

Dieses Album hinterlässt einen ambivalenten Eindruck. McCartney blieb hier seiner seit „Venus And Mars“ aufgestellten Maxime treu, die Wings-Mitglieder nicht als gesichtslose Musiker in seinem gigantischen Schatten dastehen zu lassen. Während bei „Venus And Mars“ auch Denny Laine und Jimmy McCulloch als Leadsänger in Erscheinung traten, so schien auf „Wings At The Speed Of Sound“ das Spotlight auf jedes Mitglied der Gruppe. Nicht jedem Hörer gefiel das. Dennoch stellt „Wings At The Speed Of Sound“ gemessen an zwei riesigen Hits und seiner geschlossenen Atmosphäre ein fast perfektes Pop-Album dar. Doch nur wenige Songs können den hohen Standard halten, den die beiden zuvor erschienenen Alben vorgelegt haben.

Paul McCartney hatte mittlerweile den Schrecken der ersten Jahre nach der Beatles-Trennung hinter sich gelassen. Der Erfolg und die wiedererlangte Glaubwürdigkeit als Songschreiber spornte ihn zu neuen Taten an. So legte er nach der Veröffentlichung von „Venus And Mars“ nicht die Füße hoch, sondern bereitete schon neues Material vor, das rechtzeitig zu einer großen Konzertreise durch die USA auf dem Markt sein sollte. Über Januar und Februar 1976 nahmen die Wings in den Abbey Road Studios alle Songs auf, die später den Weg auf „Wings At The Speed Of Sound“ schaffen sollten. Der damalige Wings-Manager Brian Brolly kündigte vollmundig ein Album an, das „Venus And Mars“ noch übertreffen würde.

Wie eingangs erwähnt, ist das Ergebnis der 1976er Sessions kein schlechtes. Doch um es vorwegzunehmen: Das neue Konzept, die Wings als eine Formation zu etablieren, in der Paul McCartney nichts weiter als ein Bandmitglied darstellt, ging nicht auf. Die Menschen kamen freilich in die Konzerte, weil die Wings inzwischen sehr gute Musik ablieferten. Doch zumindest gleichwertig war der Wunsch, einen Beatle zu hören und sehen. So wurde die Gruppe überwiegend weiterhin als „Paul McCartney & Wings“ angekündigt. Zudem waren Laine, McCulloch, English und allen voran natürlich Linda McCartney bei Weitem keine Sänger vom Fomat eines Paul McCartney.

Nun zum Album: Mit dem etwas beschleunigten Glockenschlag des Big Ben empfängt „Wings At The Speed Of Sound“ den Hörer sehr britisch. Es folgt ein im Midtempo gleichmäßig pulsierendes Piano; Oktaven im Bassbereich und Akkorde mit der rechten Hand. Die Gefahr der Eintönigkeit wird durch wiederkehrende Trommelwirbel aufgehoben, die zu einem Rhythmuswechsel hinführen. Interessant ist der Text: McCartney heißt mit diesem Eröffnungsstück nicht nur seine Fans willkommen, sondern auch Familienmitglieder oder andere ihm nahe stehende Personen. So ist von seinem Bruder Michael die Rede, seiner Tante Gin und auch von Phil und Don (Everly) und sogar Martin Luther (King?). Dazu gesellen sich die unbekannte Schwester Suzie und Bruder John (Lennon?). Wenn es auch McCartney vermeidet, den Namen John Lennons als einen für ihn bedeutsamen Menschen zu erwähnen, so kann „Phil and Don“ als versteckter Hinweis gedeutet werden, denn schließlich waren es Paul und John, die bei ihrem Harmoniegesang dem Vorbild der amerikanischen Everly Brothers nacheiferten. Als „Let ‚Em In“ ein paar Monate nach Erscheinen des Albums veröffentlicht wurde, konnte McCartney einen weiteren massiven Hit verbuchen (UK #2 / USA #3). Interessant wäre es noch zu erwähnen, dass Paul McCartney erwägte, „Let ‚Em In“ an Ringo weiterzugeben und sich schließlich aber für eine eigene Aufnahme entschied.

„The Note You Never Wrote“ ist überaus aufwändig strukturiert, spannungsgeladen und zugleich das erste Stück, das für „Wings At The Speed Of Sound“ aufgenommen wurde. Von den McCartney-Kompositonen, deren Leadgesang auf diesem Album an andere Wings-Mitglieder übertragen wurde, stellt das düstere „The Note You Never Wrote“ sicherlich das Highlight dar. Ein solider Vortrag dieses atmoshärisch dichten Songs durch Denny Laine und ein kurzes, aber zupackendes Gitarrensolo von Jimmy McCulloch – und doch wünscht man sich irgendwie, Paul hätte selbst den Leadgesang übernommen. Verschmitzt-verträumt geht es mit „She’s My Baby“ weiter. Der Ex-Beatle besingt hier seine Liebste, die zum liebestollen Vollweib wird, sobald die Nacht anbricht. Musikalisch gesehen ist „She’s My Baby“ zwar keine Ausschussware, allerdings auch nicht mehr als gehobenes Mittelfeld.

Während die ersten drei Songs des Albums es eher ruhig angehen lassen, schaltet „Beware My Love“ einige Gänge hoch. Paul McCartney unterstreicht hier eindrucksvoll seine Fähigkeiten als Rockmusiker und -sänger. Ein Harmonium erklingt zum Auftakt und kurz darauf begleiten Akustikgitarren eine hauptsächlich von Linda McCartney gesungene ruhigere Passage, bevor nach etwa anderthalb Minuten ein komplett neuer Song zu beginnen scheint. Hier nimmt der Song Fahrt auf und wird zu einem schnörkellosen  Rocker. Der Gesang McCartneys ist kraftvoll und erinnert an die rockigen Gesangsparts des Vorgängeralbums (vgl. „Call Me Back Again“, „Rock Show“, „Letting Go“ etc.).

Anschließend übernimmt Jimmy McCulloch den Gesang bei „Wino Junko“, einem Song, den er mit seinem ehemaligen „Stone The Crows“-Mitstreiter Colin Allen schrieb. Wie bei „Medicine Jar“ offenbaren sich hier autobiographische Züge. Wie bereits erwähnt, konnte sich McCulloch nie aus seinem persönlichen Drogendilemma befreien. Der Song ist recht konventionell, aber eingängig und zum Ende hin nicht uninteressant arrangiert.

Kritik an McCartneys sentimentaler Seite (böse Zeitgenossen würden sagen: an seinem Hang zu Oberflächlichkeit und Kitsch) gab es Anfang der 70er Jahre immer wieder und auch heute gibt es immer noch Stimmen, die in diese Kerbe schlagen. McCartney eroberte sich ab „Band On The Run“ einges an Reputation zurück. Aber wie er sich auch anstrengt, er wird damals wie heute zu gerne in die Schnulzenheini-Schublade gesteckt. Wenn auch die Kritik manchmal begründet war (z.B. „Mary Had A Little Lamb“), so ist der Blick auf McCartneys Musik doch oft zu eindimensional und voreingenommen. Mit „Silly Love Songs“ (geschrieben während eines Urlaubs auf Hawaii) schlug Paul McCartney auf charmante Weise zurück. Der Song ist ein durchaus mutiges Bekenntnis zur Daseinsberechtigung von Liebesliedern. Dass er gerade damit wieder in oberflächlicher Art verrissen wurde, nahm McCartney billigend in Kauf. Die Meinung der Rockkritiker war ihm vergleichsweise egal. Ihm kam es darauf an, für den simplen Lovesong eine Lanze zu brechen:

„You’d think that people would have had enough of silly love songs.
But I look around me and I see it isn’t so.
Some people wanna fill the world with silly love songs.
And what’s wrong with that?
I’d like to know, cause here I go again.“

Rein musikalisch ist „Silly Love Songs“ alles andere als ein unverbindliches Dahinplätschern. McCartneys Bassspiel ist rhythmisch gleichmäßig, aber auf melodisch sehr hohem Niveau und daher abwechslungsreich. Neben Pauls Bass treiben knackige Bläsersätze den schwungvollen Song voran. Als romantisches Zwischenspiel fungiert ein raffiniert verschachtelter Vokalsatz von Paul und Linda, bevor es dann wieder im Tanzbein juckt. Was, um Himmels Willen, ist also so verkehrt an einfachen Liebesliedern? Offenbar nichts, denn die als erste Single ausgekoppelte mitreißende Nummer eroberte Platz 1 in den USA und Platz 2 in England. Paul McCartney war nun endgültig zum Superstar der ehemaligen Beatles avanciert.

Freilich ist „Cook Of The House“ im Zusammenhang der schon fast symbiotischen Paul-Linda-Bindung zu sehen. Doch für sich stehend ist dieser Song zumindest gesanglich eine Zumutung. Küchen- und Pfannen-Brutzelgeräusche leiten passend „Cook Of The House“ ein und präsentieren Linda als Interpretin eines eher langweiligen Gesangsparts. Ihre dünne, nicht immer intonationssichere Stimme führt durch einen lässigen und relaxten, aber doch durchschnittlichen High School-Rock’n’Roll. Nichts desto trotz war Linda McCartney die Seele der Wings (ein Part, den früher Ringo bei den Beatles inne hatte) und bedankt sich am Schluss des Titels bei ihren Mitmusikern mit einem herzhaften „Thank you, fellows!“.

„Time To Hide“ stellt Denny Laines kompositorischen Beitrag zu „Wings At The Speed Of Sound“ dar. Flankiert von intensivem Hamroniegesang übernimmt er die Leadstimme einer insgesamt unkomplizierten und eingängigen Komposition. Das verhaltene Intro wird getragen von einem pulsierenden Bass, Orgel und Blues-Harp, doch schon bald steigt die komplette Band ein und überzeugt mit einem kompakten und kraftvollen Arrangement. Eingestreute kurze Soli der Bläsersektion lockern das Melodiegefüge auf. Noch heute gehört „Time To Hide“ zum Bühnenrepertoire von Denny Laine. Nahtlos ist der Übergang zu „Must Do Something About It“. Bei dieser unspektakulären McCartney-Nummer hat der Wings-Schlagzeuger Joe English die Chance, sich als Sänger zu ins rechte Licht zu rücken.  Man tut McCartney sicher nicht unrecht, wenn man „Must Do Something About It“ als (neben „Cook Of The House“) schwächste Komposition des Albums bezeichnet. So ist es auch wenig ergiebig, die harmlose Leadstimme und Instrumentalbegleitung näher zu beleuchten.

Nachdem in Folge drei andere Sänger zu hören waren, ist nun wieder Paul McCartney an der Reihe. Neben McCartneys souveräner Singstimme ist „San Ferry Anne“ kommen die für ihn typische unterschwellige Melancholie und aufrichtige Sentimentalität gut zum Ausdruck. Dennoch hätte es diesem Song vielleicht gut getan, im Studio noch etwas zu reifen. Das dominante Bläserarrangement ist reizvoll, doch insgesamt wirkt das knapp zweiminütige Stück eine Spur zu unausgegoren.

„Warm And Beautiful“, der letzte Song des Albums kann mit Fug und Recht zu den besten Kompositionen in McCartneys Katalog gezählt werden. Alle Elemente, die balladeske McCartney-Klassiker ausmachen, sind hier vorhanden: Eine sparsame Instrumentalbegeleitung (Piano und Streicherensemble), eine vorzügliche, ausgefeilte Melodie und ein sehr poetischer Text:

„Love, faith and hope are beautiful
When your world is touched by sadness,
To each his own is wonderful,
Love will never die.

Sunlight’s morning glory
Tells the story of our love,
Moonlight on the water
Brings me inspiration ever after.“

Drei Bonustracks enthält die remasterte CD-Fassung. Den Anfang bildet eine Verbeugung Paul McCartneys vor seinem Vater James. Musik war in der Liverpooler Forthlin Road allgegenwärtig. James McCartney spielte in den 1920er Jahren in seiner eigenen „Jim Mac’s Jazzband“ Trompete und Piano. Zudem verfügten die McCartneys über ein eigenes Klavier und James McCartney ermöglichte beiden Söhnen den Zugang zur Musik. So ist es wohl als ein Akt der Dankbarkeit zu werten, dass Paul McCartney während der Nashville Sessions des Sommers 1974 mit den Wings das von seinem Vater geschriebene Instrumental „Walking In The Park With Eloise“ aufnahm. Hört man diese Dixieland-Jazz angehauchte Nummer, dann verwundert McCartneys Vorliebe für Vaudeville und Music Hall nicht. Dieses Interesse mündete bekanntlich in Kompositionen wie „When I’m Sixty-Four“, „Honey Pie“, „You Gave Me The Answer“, „Baby’s Request“ und einige mehr. Vater McCartney war übrigens mehr als entzückt, als die Wings unter dem Pseudonym „The Country Hams“ seine Komposition sogar als Single veröffentlichten.

„Bridge Over The River Suite“ war die B-Seite der besagten Singleveröffentlichung. Während der Aufnahme zu „Country Dreamer“ improvisierte Paul McCartney und entwickelte eine Melodie, aus der schließlich das Instrumental „Bridge Over The River Suite“ wurde. Auch in der fertig aufgenommen Version (mit kurzen Bläserattacken als einzig auflockerndes Element) kommt das Stück aus dem Status der Improvisation nicht wirklich heraus.

„Sally G“ hört man deutlich an, dass es den Nashville-Sessions entsprang. Die bekannteste Instrumental-Zutat von Country-Songs, die Steel Guitar, kommt bei dieser Ballade prominent zum Einsatz. Der Song trug ursprünglich den Titel „Diane“ – benannt nach der Sängerin Diane Gaffney. Doch als McCartney erfuhr, dass Gaffney eine Zeitung verklagte, die ohne Erlaubnis ihren Namen verwendete, änderte er den Titel in „Sally G“. Das Stück ist keinesfalls als ein ernsthafter Beitrag oder gar als eine mögliche zukünftige musikalische Ausrichtung der Wings zu werten. Getreu dem Motto „Just For Fun“ landete „Sally G“ auch lediglich auf der B-Seite von Junior’s Farm“.

„Wings At The Speed Of Sound“ fiel in eine Zeit, in der alles, was Paul McCartney anfasste, zu Gold wurde. In diesem Fall sogar zu Multi-Platin. Das Album erreichte in den USA die Spitzenposition und Platz zwei in England.

Anspieltipps:

Let ‚Em In / Silly Love Songs / Beware My Love / Warm And Beautiful

Bewertung:

Pressestimmen:

„Much good music then on an album that will engender fierce comparisons with the past two albums, but will increase the growing worldwide appeal of Wings“    – New Musical Express, 27. März 1976

2 Kommentare zu 1976 – „Wings At The Speed Of Sound“

  1. Lionel Knüpling Blockwinkel 27 27251 Scholen sagt:

    Paul Mc Cartney´s schletestes Album, mag ich gar nicht

    • admin admin sagt:

      Hallo Lionel,
      als „schlecht“ würde ich es nicht unbedingt bezeichnen. Es gehört allerdings auch nicht zu meinen Favoriten. Vielleicht wäre die Wahrnehmung anders, wenn nicht jedes Wings-Mitglied einen Song gesungen hätte.
      Viele Grüße,
      Ansgar

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