2013 – „New“

new

New

Veröffentlicht:  11. Oktober 2013
LP: Universal / Concord / Hear Music HRM-34848-01
CD: Universal / Concord / Hear Music HRM-34845-02

Titel:
Save Us / Alligator / On My Way To Work / Queenie Eye / Early Days / New / Appreciate / Everybody Out  There / Hosanna / I Can Bet / Looking At Her / Road / Scared (Hidden Track)
Bonus Tracks auf der Deluxe Edition: Turned Out / Get Me Out Of Here
Bonus Track der Japanese Edition: Struggle

Nur wenige Wochen nach dem „Kisses On The Bottom“-Sonderkonzert in den Capitol-Studios in Hollywood äußerte sich Paul McCartney über sein nächstes Vorhaben. Er war in der Zwischenzeit überaus aktiv, doch das letzte reguläre Studioalbum „Memory Almost Full“ lag immerhin schon fünf Jahre zurück. Wissend, dass ihm seit den frühen 70er Jahren immer noch ein gewisser Ruf nachhängt, gab er zu Protokoll, dass er nach „Kisses“ nicht als Schmuseonkel wahrgenommen werden möchte, der nur noch relaxten Jazz spielt. Stattdessen wollte er möglichst schnell für einen Nachfolger von „Memory Almost Full“ (2007) sorgen. Die Aufnahmen zu „New“ waren in der Tat schon in vollem Gange, und sogar McCartneys Produzentenwahl machte bereits im März in den Diskussionen der einschlägigen sozialen Netzwerke die Runde. Ganz im Gegensatz zu seinen letzten Werken verließ sich der Ex-Beatle nicht nur auf sich selbst bzw. einen Produzenten-Partner, sondern verpflichtete gleich vier Soundgestalter. Dies wurde zuvor nur durch das Album „Flowers In The Dirt“ (1989) getoppt, das – McCartney eingeschlossen – mithilfe einer Armada von zehn (!) Produzenten entstand. Was zu viele Köche mit dem Brei anstellen können, ist bekannt. Doch bei „Flowers“ ging der Schuss nicht nach hinten los und – um es vorweg zu nehmen – bei „New“ auch nicht.

Paul McCartneys Grundidee bestand im Vorfeld der Arbeit am Album darin, dass er mehrere für ihn interessante Produzenten zu ersten Sessions einladen wollte, um sich schließlich für denjenigen zu entscheiden, der seinen kreativen Vorstellungen am meisten entsprach. Zwei der vier Kandidaten gehörten bereits zum Kreis der erweiterten Beatles-Familie: Zunächst Giles Martin, Sohn des Beatles-Stammproduzenten George Martin und durch seine Arbeit für das „LOVE“-Projekt (2006) schon (Ex-)Beatles-erfahren. Des Weiteren Ethan Johns, dessen Vater Glyn die „Let It Be“-Sessions der Beatles abmischte, bevor Phil Spector die Aufnahmen in die Hände bekam. Sohn Ethan verdiente sich seine Meriten als Produzent von Kings Of Leon, Razorlight, Joe Cocker, Tom Jones, Crowded House und vielen anderen. Dazu gesellte sich Mark Ronson, der als Produzent eine große Nummer im jüngeren Brit-Pop darstellt (Adele, Kaiser Chiefs, Robbie Williams, aber vor allem Amy Winehouse) und bei McCartneys Hochzeitsfeier im Jahr 2010 als DJ engagiert wurde. Paul Epworth vervollständigte die Runde. Seine Dienste als Produzent nutzten bis dato populäre Namen wie Bruno Mars, John Legend, Babyshambles, Maxïmo Park oder – wie bei Ronson auch – Adele. Die Angelegenheit entwickelte sich schließlich für McCartney anders als erwartet. Statt sich auf einen Produzenten festzulegen, holte er alle Probanden ins Boot, da er überzeugt war, dass das Album von diesen vier unterschiedlichen Persönlichkeiten profitieren würde.

Wie würde sich also der Einfluss dieser vier angesehenen Produzenten auf dem neuen Album niederschlagen? Seit vielen Jahren erntet der frühere Beatle wohlwollende bis sehr gute Kritiken für seine Alben, aber dennoch ist das McCartney-Bashing nicht ganz aus der Mode gekommen. Und so gab es im Vorfeld und auch nach der Veröffentlichung Stimmen, die lamentierten, McCartney wolle sich mit angesagten Produzenten der nachwachsenden Generation von Musikfans anbiedern. Realistisch betrachtet sieht die Sache anders aus: Seit Paul McCartney sich in seinem Leben für die Musik entschieden hatte, war er an unterschiedlichsten musikalischen Strömungen, Ideen und Innovationen interessiert und dafür aufgeschlossen, diese in seine Projekte einfließen zu lassen. Dieser Einstellung bleibt er ungebrochen treu.

Die Aufnahmen begannen im Januar 2012 und wann immer Paul McCartney ein Studio betritt, dauert es nicht lange, bis erste Spekulationen um das jeweils neue Werk kursieren. Die ersten Songs, deren Existenz durchsickerte, waren die von Mick Ronson produzierten „Hosanna“ und „Secret Life Of A Party Girl“. „Hosanna“ wurde mit dem Sound des Debütalbums „McCartney“ (1970) und „Ram“ (1971) verglichen. Dazu sollte man sich noch diverse Gitarren-Loops vorstellen. Das zweite Stück, „Secret Life Of A Party Girl“, bleibt bis heute mysteriös, denn es fand nicht den Weg auf das spätere Album „New“. Die Mutmaßungen und kolportierten neuen Erkenntnisse gingen so weit, dass wenig später die Rede davon war, dass das Album den Arbeitstitel „Pop Up“ trüge und dass McCartney aus einem Fundus von 50 Songs schöpfen könne. Sogar der ehrenwerte „Rolling Stone“ fiel auf ein Gerücht herein und meldete, dass Eric Clapton und Bruce Springsteen auf dem Album mitwirken würden und auch eine „Down The Road“ genannte Kollaboration mit den überlebenden Nirvana-Mitgliedern Grohl, Novoselic und Smear enthalten sein würde.

Das Problematische bei einer Häufung von Gerüchten, die oftmals auch in Lobhudeleien ausarten, kann sein, dass die Erwartungen an das Werk hoch, möglicherweise zu hoch sind. So erwartete die Fangemeinde mit Hochspannung das neue Material, musste sich jedoch bis zum 29. August 2013 gedulden. An diesem Tag erschien „New“, die mit dem Namen des Albums identische Single und gab einen Vorgeschmack auf das, was man vom bevorstehenden Album erwarten konnte. Wirkliche Rückschlüsse ließen sich aus heutiger Sicht nicht unbedingt ziehen, da das Album überaus vielschichtig geraten ist. Der Song „New“ ist gut und gefällig, geht schnell ins Ohr, umschifft geschickt die Grenzen zur Seichtheit, gehört aber sicher nicht zu den Premium-Stücken des Albums. Einige meinten, bei diesem Song Versatzstücke aus „Penny Lane“, „With A Little Help From My Friends“ oder „Got To Get You Into My Life“ herauszuhören, was in diesem Fall nur sehr bedingt nachvollzogen werden kann. Überhaupt fällt in der Betrachtung der Stücke durch Fans und Musikjournalisten auf, dass oft Vergleiche zu anderen Songs aus dem mittlerweile schon sehr mächtigen McCartney-Oevre gezogen werden – was nicht zwangsläufig einem Urteil gleichkommt, dass dem Komponisten nichts mehr einfällt.  Doch zurück zum Song „New“, der mit einer Laufzeit von 2:56 Min. in etwa der Länge der meisten Beatles-Kompositionen, also dem klassischen Pop-Song entspricht. „New“ wird von einer absteigende Tonfolge bestimmt und ist nach rund zweieinhalb Minuten eigentlich schon beendet, bevor er zu einer überraschenden, schönen Acapella-Coda ansetzt. McCartneys gesungene „Ooohs“ tragen dazu bei, das man den Song schon nach kurzer Zeit nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Der Gesamtsound ist trotz der traditionellen Struktur (allerdings ohne Solo) recht modern, wobei sich kein Instrument direkt in den Vordergrund spielt. Leider bringt „New“ erneut die Gewissheit, dass McCartney gesanglich nicht mehr die Leistung bringen kann, die ihn über Jahrzehnte zu einem unverwüstlichen Weltklassesänger machte, dem einfach alles gelang. Bei diesem Song schwächelt die Stimme hier und da, aber – und das ist die gute Nachricht – über einen Großteil des Albums fällt dies nicht so sehr ins Gewicht, wie es manche kritische Fans vielleicht erwartet haben. Letzten Endes nützt es auch nichts, von einem mittlerweile 71-jährigen Mann die Sangeskünste von einst im Mai zu erwarten. Solange die veränderte Stimme nicht lächerlich und peinlich wirkt, ist noch alles im grünen Bereich. Wer diese Differenzierung nicht leisten mag, der ist besser beraten, sich nicht mit neueren Veröffentlichungen des Ex-Beatles zu beschäftigen.

„New“ stellte die erste Single des Albums dar. Es ist jedoch sehr bedauerlich, dass weder dieser Song noch die zweite Single „Queenie Eye“ als physische Tonträger erschienen sind, sondern nur in den diversen Musikportalen wie iTunes oder Soundcloud zum Download angeboten werden. Wie auch immer: Nachdem „New“ den medialen Startschuss gab, absolvierte Paul McCartney ein beispielloses Promotion-Programm, um für das neue Album zu werben. Zunächst gab er ein Mini-Konzert beim iHeartRadio Music Festival (bei dem mit „Save Us“ und „Everybody Out There“ zwei weitere neue Songs Premiere feierten), spielte weitere spontan angekündigte kurze Konzerte am New Yorker Times Square (nun auch mit „Queenie Eye“), an der Frank Sinatra School for the Arts in Queens (New York) und im Londoner Stadtteil Covent Garden. Wohin man auch blickte, sorgte McCartney für einen großen Publikumsandrang, der teilweise wie einst beim Auftritt der Beatles auf dem Dach des Apple-Gebäudes den Straßenverkehr zum Erliegen brachte. Darüber hinaus trat Paul McCartney in den Late Night-Shows von Jimmy Kimmel und Jimmy Fallon auf, ließ Full Album-Listening-Events in Los Angeles und New York organisieren und nutzte soziale Netzwerke wie Instagram und Twitter um „New“ vorzustellen.

Die Promotion-Aktivitäten erstreckten sich bis zur Veröffentlichung des Albums „New“ Mitte Oktober 2013.  Das Album liegt, wie mittlerweile in der Branche üblich, in verschiedenen Formaten vor und beginnt mit einem typischen McCartney-Rocker: „Save Us“ ist eine Gemeinschaftskomposition mit Paul Epworth, befindet sich dramaturgisch an der richtigen Stelle und stürmt mit Macht nach vorn. Von der Machart erinnert „Save Us“ an „Only Mama Knows“ vom Vorgängeralbum „Memory Almost Full“ (2007). Wie auch „Only Mama Knows“ ist „Save Us“ prädestiniert für den ersten Block von Songs bei McCartney-Konzerten. Im Gegensatz zu „Only Mama Knows“, das noch eine kleine fiktive Geschichte erzählt, ist der 08/15-Text von „Save Us“ keine weitere Erwähnung wert. Ungleich interessanter und vor allem rätselhafter ist die Aussage von „Alligator“. Hier geht es um jemanden, der meint, es ginge ihm schlechter als allen anderen und der nichts mehr braucht als eine Person, die ihm ein Zuhause gibt und mit der er nicht zu tiefgründige Gespräche führen kann. McCartney benutzt dafür jedoch mitunter sehr groteske Bilder:

„I want someone who can save me
When I come home from the zoo,
I need somebody who’s a sweet communicator
I can give my alligator to“

Auch musikalisch und in puncto Arrangement ist „Alligator“ beachtenswert. Der Uptempo-Song legt zum Mittelteil eine Vollbremsung hin. Dort klingt es, als beginne nun ein völlig neues Lied. Genauer betrachtet passen die Ideen von Paul McCartney und Mark Ronson aber ausgezeichnet. Während der Ich-Erzähler zuvor noch rastlos nach einem Jemand sucht, hat er ihn bzw. sie nun gefunden, kommt zur Ruhe und spricht ihn/sie direkt an:

„Could you be that person for me
Would you feel right setting me free
Could you dare to find my key“

In diesem Abschnitt von „Alligator“ experimentieren Ronson und McCartney mit Sounds und Stimme, die im gefürchteten hohen Register liegt, aber letztlich überraschend gut passt. Nach zwei Songs in zeitgemäßem Klang wird es im von Giles Martin produzierten „On My Way To Work“ etwas traditioneller. Mit einfacher Akustikgitarren- und Rhythmusbegleitung beginnt Paul McCartney mit einer einfachen Melodie eine Erzählung über Alltagsszenen im Liverpool seiner Jugend: über das Busfahren im Oberdeck, das Aufsammeln von Zigarettenkippen und das Blättern in Pin-Up-Magazinen. Zwischen den Strophen verstärkt sich der stampfende Beat der durch scharfe Einwürfe der Leadgitarre ergänzt wird.

Mit unwiderstehlichen Hitqualitäten kommt „Queenie Eye“ daher. Ein Mellotron eröffnet den Song, bevor ein pumpender Pianorhythmus einsetzt, der Erinnerungen an Stücke wie „Flaming Pie“ (von gleichnamigen 1997er Album) weckt. In der zweiten Co-Komposition mit Paul Epworth wird McCartney abermals nostalgisch und erinnert sich an ein „Queenie Eye“ genanntes Fangspiel, das er seinerzeit mit anderen Kindern im Freien spielte: Ein Kind dreht sich um und wirft einen Ball hinter sich, den ein anderes Kind dann an sich nimmt. Der Werfer muss nun den neuen Besitzer des Balls fangen, nachdem die Kinder das ausgerufen haben, was McCartney 1:1 in den Refrain seines Songs übernommen hat:

„Queenie Eye, Queenie Eye
Who’s Got The Ball
I haven’t got it
It isn’t in my pocket
O.U.T spells out“

„O.U.T. spells out“ wird übrigens aufmerksamen Beatles-Hörern bekannt vorkommen: Diese Phrase ist im Beatles-Song „Christmastime Is Here Again“ enthalten. Wie bei „Alligator“ kommt es in „Queenie Eye“ zu einem abrupten Bruch, der den Song auf faszinierende Weise in zwei Teile spaltet: Zunächst von 100 auf Null im Bruchteil einer Sekunde, dann ein zartes Zwischenspiel, bevor der treibende Rhythmus des ersten Teils langsam, aber unaufhaltsam ansteigend sein Terrain zurückerobert. Für „Queenie Eye“ wurde ein aufsehenerregendes Musikvideo gedreht. In diesem sieht man Paul McCartney im Abbey Road-Studio 2 den Song am Flügel spielen. Nach und nach füllt sich der Raum mit Prominenten, die sich ausgelassen der Musik hingeben. Unter ihnen sind Johnny Depp, Kate Moss, Meryl Streep, Peter Blake, Jude Law, Chris Pine und viele andere.

Es folgt mit „Early Days“ der Song, der am deutlichsten Paul McCartneys gealterte Stimme offenlegt. Der Ex-Beatle nahm bereits explizit dazu Stellung und berichtete, dass er dem Produzenten von „Early Days“ Ethan Johns nach der ersten Einspielung vorschlug, diese Fassung zu verwerfen, da er wüsste, dass er das Stück besser singen könne. Johns war dagegen, weil er der Ansicht war, dass gerade diese Verletztlichkeit sehr authentisch sei und zum Song passe. „Early Days“ ist eine bewusst nostalgische, sehr zurückgenommene akustische Ballade mit Country-Anklängen, in welcher Paul McCartney zunächst die Tragödien seines Lebens und möglicherweise auch seine Rolle in der Musikgeschichte reflektiert:

„So many times I had to change the pain to laughter
Just to keep from getting crazed“

In einem zweiten thematischen Schwerpunkt klagt er diejenigen an, die meinen zu wissen, wie sich dieses oder jenes bei den Beatles zugetragen hat:

„Now everybody seems to have their own opinion
Who did this and who did what
But as for me I don’t see how they can remember
When they weren’t where it was at“

Das von Giles Martin produzierte „Appreciate“ präsentiert sich in einer Weise, wie man es von Paul McCartney nicht unbedingt gewohnt ist. Abseits von Gitarre, Bass, Piano und Schlagzeug entwickelt sich ein atmosphärisch dichter Klangteppich, der auf der Basis von Tape-Loops (mehrfach reproduzierte und übereinander geschichtete Sounds) collagiert wurde, die McCartney zu den Sessions mitbrachte. Der Songtext kreist darum, dass man vielen Dingen zu wenig Wertschätzung entgegenbringt. Vom Arrangement her wechseln sich die psychedelisch anmutenden Strophen mit Passagen ab, in denen dem Hörer brachiale Drumbeats um die Ohren gehauen werden. Die Stimme bewegt sich zu weiten Teilen im Falsett-Bereich, aber auch hier fällt dies nicht zu unangenehm auf. Zum Schluss spielt Paul McCartney ein Slide-Solo auf einer Cigar Box Gitarre, die er von Johnny Depp geschenkt bekam. In einem Interview gab McCartney an, dass die Aufnahmen zu diesem Solo zu seinen schönsten Momenten während der Aufnahmen zu „New“ zählen.

Zu den eingängigsten Songs des Albums zählt „Everybody Out There“. McCartney betrat das Studio mit einem fast fertigen Song und sehr genauen Vorstellungen. Auf diese Weise wurden vom ersten Take bis zur Endfassung lediglich sechs Stunden benötigt – ein Tempo, das McCartney aus Beatles-Zeiten gewohnt ist. Das von vollen Gitarrenakkorden getragene Stück hat hymnischen Charakter, erinnert vor allem in seinen „Whoa-o-o-oh“-Passagen an (das „Ho-Hey-Ho“ von) „Mrs. Vandebilt“ („Band On The Run“, 1973) und ist von Paul McCartney gezielt für den Einsatz auf Konzerten geschrieben worden. Zu den Höhepunkten zählt der raffiniert arrangierte Harmoniegesang in dieser Passage:

„There but for the grace of God go you and I
We’re the brightest subjects in the sky
Remember there but for the grace of God go you and I
Do some good before you say goodbye“

Kehrt man zu den eingangs erwähnten hohen Erwartungen zurück, die nicht erfüllt werden können, dann muss über „Hosanna“ gesprochen werden. Hier erinnert wenig an „McCartney“ oder gar „Ram“, eher an schwache Passagen („How can I walk when I can’t find a way“ etc.) in „From A Lover To A Friend“ („Driving Rain“, 2001). Das schleppend vorgetragene Stück kann melodisch nicht überzeugen und wirkt relativ orientierungslos.

Das schmissige „I Can Bet“ reißt keine Bäume aus, ist aber erneut ein Song mit einer eingängigen Melodie, welche den Hörer sofort einnimmt. Man kann sich beim Sound von „I Can Bet“ gut vorstellen, dass das Stück gut auf einem Wings-Album seinen Platz gefunden hätte. Authentische Instrumente wie ein Wurlitzer-Piano und der beim Solo eingesetzte Moog-Synthesizer sind Zutaten, die dieses Gefühl begünstigen.

Gemessen am insgesamt gehobenen Standard von „New“ schwächelt „Looking At Her“ wieder ein wenig. Die Strophen sind recht seicht geraten, während der mit Macht hereinbrechende Mittelteil („Doesn’t she know, why she can’t see ….“) wieder entschädigt. Der sich anschließende Song „Road“ erschließt sich nicht so schnell wie manch anderer Titel. Sphärische Klanggebilde bahnen sich ihren Weg durch ein spannendes Arrangement und verbreiten eine geheimnisvolle Atmosphäre, die in dieser Art schon Teile des Fireman-Album „Electric Arguments“ (2008) auszeichnete.

Die einfachste Ausgabe von „New“ führt auf der Coverrückseite „Road“ als letzten Song auf, lässt aber beim Abspielen nach einer 25-sekündigen Pause den Hidden Track „Scared“ erklingen. Dieses Stück ist eine klassische Piano-Ballade, deren Moll-Akkorde dem Song mehr Schwermut als üblich verleihen. Doch das Düstere und Nachdenkliche stellen eine neue Qualität dar, die McCartney unter der strengen Führung durch den Produzenten Nigel Godrich während den Aufnahmen zu „Chaos And Creation In The Backyard“ entwickelte. „Scared“ ist ein autobiografischer Song, der schildert, wie schwer es Paul McCartney in der Anfangsphase fiel, seiner nunmehr dritten Ehefrau Nancy Shevell (seit der Heirat Lady McCartney) mit den einfachsten Worten seine Gefühle zu gestehen:

„I’m scared to say I love you
I’m scared to let you know
That the simplest of words won’t come out of my mouth
Though I’m dying to let them go“

Paul McCartney und Nancy Shevell lernten sich per Zufall in einem Surf Shop auf Long Island kennen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass Nancy Pauls 1998 verstorbene Frau Linda persönlich kannte, worauf beide ihren Tränen freien Lauf ließen. Dieses Ereignis verarbeitet der Ex-Beatle im Mittelteil von „Scared“:

„I remember the first time we met,
Tears in our eyes reflecting
Something connecting from so long ago“

Doch der Song endet auf einer Note, die dem Komponisten, der offenbar ein dauerhaftes Glück gefunden hat, letztlich Mut macht:

„I’m still too scared to tell you
Afraid to let you see
That the simplest of words won’t come out of my mouth
Though I’m dying to set them free
Trying to let you see
How much it means to me
How much you mean to me
How much you mean to me … now“

Vor diesem Hintergrund ist „Scared“ ein beeindruckender und würdiger Abschluss des Albums, der den Hörer innehalten lässt.

Zuletzt sollen noch die in den unterschiedlichen CD-Formaten verfügbaren Bonus-Tracks vorgestellt werden: Die Deluxe-Ausgabe lässt auf „Road“ mit „Turned Out“ abermals einen sehr eingängigen und schmissigen Rockpop-Song folgen. „Turned Out“ entstand als dritter Song der Sessions mit Ethan Johns und gefällt durch eine an George Harrisons Stil erinnernde Slidegitarre und einem schönen, ruhigen Mittelteil. Nun schließt sich eine bluesige Country-Ballade an, die McCartney in einem ausgelassenen und humorigen Tonfall vorträgt. Es ist die Rede von aufdringlichen Steuereintreibern und Wahnvorstellungen. McCartney fleht darum, endlich aus dem wie auch immer gearteten Schlamassel herauszukommen. Schließlich ruft er selbstironisch aus:

„Oh boy, someone get me out of here
I’m a celebrity!“

Die Instrumentierung ist nicht uninteressant: Zur Akustigitarre gesellt sich in alter Skiffle-Manier ein Waschbrett, während der stampfende Rhythmus von einem afrikanischen Instrument namens Ngoni erzeugt wurde.

Auch die Deluxe-Version schließt mit „Scared“ als Hidden Track. Die japanische Ausgabe enthält zusätzlich das Stück „Struggle“. Dieses experimentellste Ergebnis aus der Zusammenarbeit mit Paul Epworth sticht qualitativ nicht aus dem Songreigen von „New“ heraus, so dass man wenig verpasst, wenn man die japanische CD nicht besitzt. Neben den bereits genannten Varianten von „New“ ist das bei Target (der nach Wal-Mart zweitgrößte Discounter der USA) erschienene Bündel erwähnenswert, denn es enthält eine zuätzliche DVD mit dem Titel „A rendez-vous with Paul McCartney“. Dies ist ein 22-minütiger Film mit einem Interview und verschiedenen Ausschnitten der „Out There“-Konzerttournee.

Zum Personal: Wie gehabt fühlt sich Paul McCartney an vielen Instrumenten wohl und so sind es insgesamt 15, die er für „New“ selbst bediente. McCartneys Tourband (bestehend aus Paul ‚Wix‘ Wickens, Rusty Anderson, Brian Ray und Abe Laboriel jr.) war im Studio insgesamt an zwei Drittel der Songs beteiligt. Mit Ethan Johns und Paul Epworth waren auch zwei der Produzenten als Instrumentalisten (Schlagzeug und Percussion) vertreten. Die Produktion verteilte sich folgendermaßen: Giles Martin übernahm den Bärenanteil von acht Songs, Paul Epworth derer vier, Ethan Johns zwei und Mark Ronson zwei Songs.

Die Entscheidung, vier Produzenten zu verpflichten, impliziert automatisch, dass das Ergebnis nicht so „rund“ und organisch klingen kann wie bei der Produktion durch einen einzelnen Produzenten. Doch Paul McCartney hatte recht konkrete Vorstellungen, wie er aus der Not der „gescheiterten“ Vorauswahl eine Tugend machen konnte, indem er die individuellen Stärken jedes einzelnen Produzenten nutzte. Das Resultat ist ein vom Eklektizismus geprägtes Album – etwas, was die späten Beatles-Alben stets auszeichnete. „New“ ist modern und retro zugleich und überrascht mit zahlreichen Drehungen und Wendungen. Das Album ist kann als eine Mischung aus dem Fireman-Werk „Electric Arguments“, „Memory Almost Full“ und „Chaos And Creation In the Backyard“ betrachtet werden. Mit stolzen 71 Jahren hat Paul McCartney seine Experimentierfreudigkeit Gott sei Dank noch nicht abgelegt. Vieles an diesem Album ist mutig oder sogar progressiv. Auch wenn Songs wie „Early Days“ oder „On My Way To Work“ inhaltlich bewusst nostalgisch sind, bleibt der Blick von McCartney als Musiker stets nach vorn gerichtet. Auch wenn es nur wenige Schwachpunkte gibt und über weite Strecke ein recht hohes Niveau gehalten werden kann: Der mittlerweile fast inflationäre Einsatz der Falsettstimme ist weniger schön. Für die noch kommenden Alben wäre Paul McCartney sicherlich gut beraten, sich in einem Tonspektrum zu bewegen, dass seinen nachlassenden Fähigkeiten als Sänger entspricht. Doch all dies ist Meckern auf hohem Niveau. Man kann es drehen und wenden wie man will: Die erfreuliche Rezeption von „New“ gibt dem Ex-Beatle Recht.

Die Inspiration für das moderne, ein wenig steril wirkende Coverdesign geht zurück auf die Arbeiten des 1996 verstorbenen Lichtinstallations-Künstlers Dan Flavin. Die Gestaltung des Booklets kann man kritisieren: Die Songtexte sind recht klein, komplett in Großbuchstaben, ohne Absätze und im Blocksatz gehalten. Sieht schick aus, ist aber schlecht lesbar. Sehenswert sind hingegen die im Booklet enthaltenen Schwarzweiß-Fotos von den Aufnahmesessions. Den Schönheitspreis konnte sich allerdings wieder einmal die Vinylausgabe von „New“ sichern, die nach etlichen Terminverschiebungen endlich am 05. Dezember 2013 erschien. Die LP ist als Klappcover angefertigt worden, das Booklet im Großformat und dazu eine 180g schwere Schallplatte. Beigefügt wurde außerdem ein Downloadcode für die digitalen Musikdateien von „New“.

„New“ ist nicht weniger als Paul McCartneys erfolgreichstes Album seit „Flowers In The Dirt“ (1989). Die wichtigsten Printmedien bewerteten das Album mehrheitlich sehr positiv. Der deutsche „Rolling Stone“ vergab beispielsweise 4,5 von 5 Sternen, der „Musikexpress“ 4 von 5 Sternen, „The Telegraph“ und „Daily Mirror“ jeweils 5 von 5, „UNCUT“ und „MOJO“ jeweils 4 von 5, der McCartney sonst sehr kritisch gegenüberstehende „New Musical Express“ 7 von 10 … und so weiter. In der vom „Rolling Stone“ veröffentlichten Liste der besten Alben von 2013 belegte „New“ Rang 4. In den Billboard-Charts stieg „New“ von Null auf 3 ein und erreichte damit auch die höchste Position in den USA. Die Single „New“ konnte in Japan Platz 4 in den Charts erreichen. In Norwegen landete das Album auf Platz 1, Platz 2 in Japan, Frankreich und Dänemark und Platz 3 in Kanada. Im weltweit drittgrößten Musikmarkt Deutschland kam „New“ bis auf Platz 6 der Album-Charts.

 

Anspieltipps:

Save Us / Alligator / Queenie Eye / Appreciate / Everybody Out There / Scared

Bewertung:

+

Pressestimmen:

„Alt und Neu: ein kunterbuntes Meisterwerk des Popgenies.“  – Rolling Stone, 11. November 2013

„Liverpools größter Sohn macht wieder Pop: ‚New‘ bringt zwölf neue Songs von Macca im klassischen Merseysound – einen präzise austarierten Hauch Moderne inklusive“  – Audio, November 2013

„13 frische Songs, ein knackiger, moderner Pop-Sound (…) sowie ein Macca, der mit seinen 71 Jahren fast jugendlich rüberkommt.“  – Stereoplay, Dezember 2013

“ ‚New‘ klingt modern und nostalgisch zugleich.“  – Stereo, Dezember 2013

„Und doch stellt ‚New‘ abermals unter Beweis, dass mit Paul McCartney eine Legende des Genres nicht bereit ist, die eigenen Denkmäler mit dem Bulldozer platt zu walzen. Zum Glück.“  – laut.de, 11. November 2013

„What could have been a confused, trying-to-be-hip mish-mash is instead a re-playable collection of extremely strong songs, Paul’s most interesting, varied and soul-baring in years“  – MOJO, Dezember 2013

6 Kommentare zu 2013 – „New“

  1. Hannah sagt:

    Wie nicht weiter überrascht, kann ich mich deinem Fazit, deiner Meinung zu „New“ eigentlich größtenteils anschließen. Meiner Meinung nach ein sehr gelungenes Album, was einige Wochen fast ununterbrochen in meinem CD-Player lag.
    Btw möchte ich aber auch nochmal sagen, dass ich deinen Schreibstil sehr mag – gut zu lesen, klare, nachvollziehbare Argumentation, etc. Schicke neue Seite 🙂
    LG, Hannah

  2. Stefan sagt:

    Ohne die Qualität von „New“ schmälern zu wollen, aber rein charttechnisch war „Flaming Pie“ doch erfolgreicher. Platz 6 in Deutschland und Platz 2 in England und den USA (hier erreichte New jeweils „nur“ Platz 3). FITD erreichte in den USA nur Platz 21, war in GB aber auf Platz 1, in Deutschland erreichte dieses Album Platz 9. Von der Verweildauer wollen wir gar nicht reden, und schon überhaupt nicht von absoluten Verkaufszahlen. Aber letztendlich kommt es darauf auch nicht an, denn wenn die Musik gefällt kann ich auch ein Album gut finden von dem nur wenige hundert Exemplare weniger verkauft wurden.

    • admin admin sagt:

      Danke für deinen Kommentar, Stefan. Zum Thema: Kann man so oder so sehen. Japan ist immerhin der zweitgrößte Musikmarkt der Welt, und dort gab es für „New“ Platz 2, für „Flowers In The Dirt“ Platz 9 – während „Flaming Pie“ in Japan nur auf dem 14. Platz der Charts landete. „New“ war in neun Ländern unter den Top 5 der Albumcharts – die Nr. 1 in Norwegen nicht zu vergessen. 😉 Aus diesem Grund kann man den Erfolg von „New“ höher bewerten als den von „Flaming Pie“. Deinen letzten Satz kann ich aber nur unterstreichen.

      • Markus den Boer sagt:

        Die reinen Chartplatzierungen sprechen sicherlich für „NEW“, wobei wie von Stefan auch schon angesprochen, mich persönlich würden eher die absoluten Verkaufszahlen interessieren…. Ist aber bestimmt alles auch der heutigen Zeit geschuldet. Früher war ein solches Album sicherlich viel länger im Fokus. Heute sind solche neuen Veröffentlichungen ja schon nach wenigen Wochen von der Bildfläche verschwunden.

        Ich persönlich fremdel immer noch ein wenig mit „NEW“; es ist schon viel besser geworden, aber ganz beste Freunde werden wir wohl nicht mehr 😉

  3. Michael Kummer sagt:

    Nach fasst einem halben Jahr nach der VÖ von NEW, finde ich das Album immer noch klasse, eigentlich ein gefälliges Album das sich durchaus im Gehörgang manifestiert hat.
    Der Produzentenmix mit Martin, Johns, Ronson und Epworth hat sich voll und ganz ausgezahlt. Vielleicht haben sie Macca an den richtigen Stellen gekitzelt, zumindest haben sie genau erkannt was mit McCartney Stimme möglich ist und haben diese im positiven Sinn ordentlich „verpackt“ …vor allem Save Us, Early Days, Appreciate, Hosanna (die Loops, herrlich), stark Road und Turned Out… oder Get Me Out Of Here
    — der Kerl mit den richtigen Produzenten, erfindet sich immer wieder neu!

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