1976 – „Wings Over America“

Wings Over America

Veröffentlicht:  10. Dezember 1976
LP: EMI 1C 188 – 98497-99 (Deutschland)
CD: EMI 0777 7 46715 8 3 (Digitally Remastered)

Titel:
CD 1:
Venus And Mars – Rock Show – Jet / Let Me Roll It / Spirits Of Ancient Egypt / Medicine Jar / Mabe I’m Amazed / Call Me Back Again / Lady Madonna / The Long And Winding Road / Live And Let Die / Picasso’s Last Words / Richard Cory / Bluebird / I’ve Just Seen A Face / Blackbird / Yesterday

CD 2:
You Gave Me The Answer / Magneto And Titanium Man / Go Now / My Love / Listen To What The Man Said / Let ‚Em In / Time To Hide / Silly Love Songs / Beware My Love / Letting Go / Band On The Run / Hi Hi Hi / Soily

In der Schallplatten-Ära erschienen hin und wieder nicht nur Doppel- sondern auch Dreifachalben. Die erfolgreichsten darunter konnte ein Ex-Beatle für sich verbuchen: George Harrison. Namentlich waren dies „All Things Must Pass“ und „The Concert For Bangla Desh“. Während unter kommerziellen Gesichtspunkten Harrisons Stern ab Mitte der 70er langsam verblasste, eilte nunmehr Paul McCartney mit seinen Wings von Erfolg zu Erfolg. McCartneys Biograph Alan Clayson geht sogar so weit zu behaupten, dass „Wings Over America“ mit der Zeit George Harrison den Rang ablief, das erfolgreichste Dreifach-Album aller Zeiten veröffentlicht zu haben. Nun denn …

Während sich Harrison von den vernichtenden Kritiken seiner Nordamerika-Tour von 1974 erholte, Ringo Starr das Erfolgsrezept seines Megasellers „Ringo“ (1973) nicht beliebig oft wiederholen konnte und John Lennon sich für Jahre aus dem Rampenlicht zurückzog, wurde McCartney produktiver und erfolgreicher denn je. Er hatte einen umbequemen Weg hinter sich: Der Rechtsstreit mit den anderen Beatles zollte seinen Tribut, Perspektivlosigkeit und Motivationsmangel nach dem Beatles-Ende schickten McCartneys Inspiration auf Urlaub und nur langsam konnte er sich eine neue Identität und frisches Selbstbewusstsein aufbauen. Nach der Gründung der Wings waren allerdings nicht automatisch alle Regler auf Erfolg gestellt. Durchwachsene Studioaufnahmen und teilweise amateurhafte Liveauftritte wechselten einander ab. Doch es ging stetig aufwärts. Nach einer Universitäten-Tour gaben die Wings quer durch Europa Konzerte in kleinerem Rahmen, bevor es McCartney 1973 wagte, in England größere Hallen zu buchen. Nach den an anderer Stelle bereits erwähnten Umbesetzungen kristallisierte sich eine Band heraus, die kompakt, homogen und technisch souverän agierte: Paul und Linda McCartney, Denny Laine, Jimmy McCulloch und Joe English – die fünfte Inkarnation der Wings.

Das mit „Wings Over America“ vorliegende Programm wurde 1975/76 bei knapp 30 Konzerten erprobt, verteilt auf England, eine kurze Europatour und eine Reihe von Auftritten in Australien. Am 3. Mai 1976 fand in Fort Worth das erste Konzert der Wings statt. Wo der Wings-Tross auch stoppte, alle Konzerte waren überaus erfolgreich. Die Songauswahl stützte sich hauptsächlich auf die Highlights drei letzten Alben (Wings At The Speed Of Sound, Venus And Mars, Band On The Run). Ergänzt wurde dies durch unverzichtbare Glanzlichter wie „Maybe I’m Amazed“, „My Love“ und der James Bond-Titelsong „Live And Let Die“. Auch Denny Laine hatte seinen Part. Er präsentierte bei allen Konzerten dieser Tour „Time To Hide“, aber bei den drei Konzerten in Los Angeles auch einen Oldie: „Go Now“, ein Titel, den er zwar nicht schrieb, den er aber als Sänger der Moody Blues 1964 zur Hitsingle machte.

Am bemerkenswertesten ist es jedoch, dass sich Paul McCartney wieder für Beatles-Material öffnete. Zu Wings-Anfangszeiten vermied er Beatles in Konzerten die Songs der Beatles, weil er sich als eigenständiger Künstler bzw. die Wings als eigenständige Band etablieren und sich nicht auf den Loorbeeren vergangener Tage ausruhen wollte. „Long Tall Sally“ (eine Coverversion) war seinerzeit die einzige Verbindung zu den Beatles. Im Vergleich zu heutigen McCartney-Konzerten ist die Anzahl seiner Beatles-Kompositionen während der Wings-Tourneen verschwindend gering. Doch Mitte der 70er Jahre begann er, mit dieser Phase seines Musikerlebens seinen Frieden zu machen. Und das Publikum? Es war mehr als dankbar. Unbeschreiblicher Jubel brach aus, wenn McCartney „Yesterday“ anstimmte. Zudem konnte Paul „The Long And Winding Road“ endlich von dem Breitwand-Kitsch befreien, den Phil Spector anlässlich der Produktion des „Let It Be“-Albums dem Song angedeihen ließ. McCartney hat ihm das stets übel genommen und interpretierte das Stück nun so, indem er sich auf das Wesentliche konzentrierte: Sein Klavierspiel und Gesang, Bass, Sclagzeug und ein dezentes Bläser-Arrangement. Auch „Lady Madonna“ präsentiert sich in einer entschlackten, aber beschleunigten Version. „I’ve Just Seen A Face“ ist auf dem Beatles-Album „Help!“ zu finden. Bei den Wings-Konzerten war es eingebettet in ein so genanntes „Acoustic Set“: Die Wings setzten sich – nur mit akustischen Gitarren und Tambourin ausgestattet – im Halbkreis im Zentrum der Bühne. So spielten sie die Songs von „Picassos’s Last Words“ bis „Yesterday“. Darin enthalten war die nach „Go Now“ zweite Coverversion: „Richard Cory“. Diese Komposition von Paul Simon (vom zweiten Simon & Garfunkel-Album „Sounds Of Silence“) fügt sich atmosphärisch hervorragend ein in die ungezwunge Runde des Acoustic Set.

Der Konzertmitschnitt endet mit dem frühen Wings-Song „Hi Hi Hi“ und dem Novum, zum Schluss eines jeden Konzertes einen Titel zu spielen, der damals wie heute als Studioversion unveröffentlicht ist: Soily. Dieser zunächst für ein  mögliches „Red Rose Speedway“-Doppelalbum vorgesehene mächtige Rocker tauchte in Wings-Konzerten erstmals 1972 auf und folgt keinem strengen Arrangement; statt dessen blieb immer Platz für leichte Improvisationen. So beschert „Wings Over America“ eine kurzweilige Fassung von über fünf Minuten.

Nachdem die „Wings Over America“-Tour beendet war, sichtete Paul McCartney insgesamt rund 70 Stunden Konzertmitschnitte, die editiert und abgemischt werden sollten. Über sechs Wochen arbeitete er in den Abbey Road Studios täglich bis zu 14 Stunden daran, um seinen Anhängern eine authentische Konserve einer kompletten Liveshow zu bieten. Viele Songs des vorliegenden Albums wurden beim Abschlusskonzert der Tour im Los Angeles Forum aufgenommen, doch auch Aufnahmen aus Detroit, Kansas City, Denver und Boston sind mit dabei.

„Wings Over America“ ist eine beeindruckende, vor Spielfreude sprühende Bilanz McCartneys als Solist und als Leader der Wings, garniert mit einer knappen wie schönen Auswahl von Beatles-Klassikern. Von vielen Fans wird auch auch das dramaturgisch gelungene und packende Intro-Medley bestehend aus „Venus And Mars“/“Rock Show“/“Jet“ als überragende Kombination gesehen. Nicht wenige würden exakt diese drei Songs zu Beginn eines heutigen McCartney-Konzertes erleben. das Triple-Album erreichte nicht ohne Grund in den USA Platz eins und ließ sich auch im Rest der Welt gut verkaufen. Das die Ankunft der Wings in den USA symbolisierende Außencover wurde von Richard Manning gestaltelt. Für das fotorealistische Innencover zeichnete Jeff Cummins verantwortlich, der (mehrfach für McCartney tätig war und) später auch für das Artwork von Eric Clapton, Whitesnake, Rainbow, Moody Blues und anderen verpflichtet wurde. Dem Album war des Weiteren ein beidseitig bedruckes Poster beigelegt.

Und auch noch in einem weiteren Format wurde die „Wings Over America“-Tour verewigt. Unter dem Titel „Rockshow“ ließ Paul McCartney einen Konzertfilm erstellen, der Ende November 1980 in New York Premiere feiern konnte. Die ungeschnittene Fassung enthält 30 Songs und ist 125 Minuten lang, die gekürzte hat eine Laufzeit von 102 Minuten. Die Aufnahmen stammen vom rekordbrechenden Konzert im Seattle Kingdome (mit 67.000 Zuschauern das bis dahin größte Rockkonzert in einer Halle). Die VHS-Videokassette ist immer noch ein begehrtes Sammlerstück, denn auf DVD wurde das Konzert nie veröffentlicht. Es dauerte bis zum Jahresende 2007, dass Ausschnitte (sieben Songs) mit restauriertem Bild und 5.1 Surround Sound als Teil der DVD-Retrospektive „The McCartney Years“ veröffentlicht wurde.  Weitere sechs Jahre vergingen schließlich, bis 2013 sowohl „Wings Over America“ (—> Link) als auch „Rockshow“ (—> Link) endlich komplett remastert und restauriert erschienen.

Anspieltipps:

Durchgängig empfehlenswert

Bewertung:

+

Pressestimmen:

Ein Kommentar zu 1976 – „Wings Over America“

  1. Lionel Knüpling Blockwinkel 27 27251 Scholen sagt:

    Ich habe das Konzert im Paris palais des sports 1976 gesehen ,werde ich nie vergessen, alle hatten sitzplätze, nach venus and mars haben alle bis zum schluss gestanden. Mehr kann man nicht sagen.

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