1987 – „All The Best!“

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All The Best!

Veröffentlicht:  26. Oktober 1987
LP: Parlophone 1C 064 – 7485071 (Deutschland)
CD: EMI 0777 7 89126 3 7 (Digitally Remastered)

Titel:
Jet / Band On The Run / Coming Up / Ebony And Ivory / Listen To What The Man Said / No More Lonely Nights / Silly Love Songs / Let ‚em In / C Moon / Pipes Of Peace / Live And Let Die / Another Day / Once Upon A Long Ago / Say Say Say / My Love / We All Stand Together / Mull Of Kintyre

Neun Jahre nach „Wings Greatest“ wurde diese Sammlung von McCartney-Hits veröffentlicht. In der Zwischenzeit hatte sich Paul McCartney auch als Solist etabliert, denn er landete nicht nur in der Zusammenarbeit mit Stevie Wonder („Ebony And Ivory“, 1982) und Michael Jackson („Say Say Say“, 1983) Nr. 1-Hits, sondern auch auf sich allein gestellt („Coming Up“ 1980 und „Pipes Of Peace“ 1983). Obwohl „No More Lonely Nights“ 1984 Platz 2 in England erreichte und „We All Stand Together“ im gleichen Jahr und Land Platz 3, fuhr McCartney kommerziell gesehen das künstlerisch bemerkenswerte 1986er Album „Press To Play“ inklusive der dazugehörigen Singles gegen die Wand – von dem Reinfall des „Broad Street“-Films mal ganz abgesehen. McCartney nahm das offenbar persönlich und ignorierte nicht nur auf „All The Best!“, sondern auch bis heute, fast dreißig Jahre später, das komplette „Press To Play“-Album.

„All The Best!“ beinhaltet in ihren verschiedenen Erschienungsformen mit Ausnahme von „Hi Hi Hi“ alle Songs von „Wings Greatest“. Dieser Sampler erschien als Doppel-LP in einer Zeit, als die Schallplatte noch Priorität vor der CD genoss. Das Doppelalbum weist eine Spielzeit auf, die über die Kapazität einer Einzel-CD hinausgeht. Um eine Doppel-CD zu umgehen, entschied man sich damals, mehrere Songs wegzulassen. Bei der europäischen Ausgabe fehlen „With A Little Luck“, „Maybe I’m Amazed“ und „Goodnight Tonight“. Die US-Version strich „Maybe I’m Amazed“, „Pipes Of Peace“, „We All Stand Together“ und den brandneuen Song „Once Upon A Long Ago“. Dafür waren allerdings „Junior’s Farm“, „With A Little Luck“, „Uncle Albert/Admiral Halsey“ und „Goodnight Tonight“ mit im Rennen. Ein schönes Durcheinander, das einerseits an die US-Extratouren bei den alten Beatles-Alben erinnerte und andererseits schon einen Vorgeschmack darauf gab, was in späteren Jahren häufig vorkommen sollte: Ein Album und seine mannigfaltigen Erscheinungsformen. Das ist Futter für den Sammler, lässt aber auch für den Künstler und sein Label die Kasse klingeln.

Der interessanteste Bestandteil von „All The Best!“ ist das bereits erwähnte neue Stück „Once Upon A Long Ago“. Die Fans wurden von diesem bis dato unveröffentlichten Song geradezu überrumpelt, denn er wurde in den Reigen hinlänglich bekannter Aufnahmen eingefügt, bevor er überhaupt als Single erschien. Ursprünglich wollte man der britischen Ausgabe des Albums sogar noch einen weiteren unbekannten Song einverleiben: „Waterspout“. Doch man entschied sich gegen den „London Town“-Outtake, da „All The Best!“ schließlich eine Hit-Kompilation und keine Raritäten-Kollektion werden sollte.

Doch zurück zu „Once Upon A Long Ago“. Der Song entstammt den Sessions mit Phil Ramone (1934-2013), der u.a. für seine Tätigkeit als Produzent von Billy Joel bekannt war. McCartney hatte nach dem „Broad Street“-Desaster ein Imageproblem und wollte etwas Neues ausprobieren. So buchte er im Frühsommer 1986 ein New Yorker Studio und nahm unter Ramones Führung zwei neue Kompositionen auf: „Loveliest Thing“ und „Beautiful Night“. Beide Songs erblickten erst spät das Licht der Öffentlichkeit, doch Mitte 1987 erinnerte sich McCartney an die gelungene Zusammenarbeit mit Phil Ramone und lud diesen zu neuen Sessions ins eigene Hog Hill Studio in Rye/Sussex ein. Obwohl die Zusammenarbeit mit Phil Ramone insgesamt zehn Songs entstehen ließ, waren die Sessions für beide Parteien nicht befriedigend. Angeregt vom 20-jährigen Jubiläum von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ hatte McCartney die Idee eines „Return To Pepperland“-Albums. Doch der Ex-Beatle und Phil Ramone hatten so unterschiedliche Vorstellungen von der Umsetzung, dass sich ihre Wege bald trennten.

Doch ungeachtet dessen zählt das im Sommer 1987 aufgenommene „Once Upon A Long Ago“ zu Paul McCartneys besseren Songs aus den Achtziger Jahren. Eine Komposition, die selbst ohne einen richtigen Mitteilteil reich ist an Melodie und harmonischer Raffinesse. Auf eine in verhaltenem Tempo vorgetragene Einleitung am Klavier folgen die ersten zwei verträumten Strophen, die von McCartney-typischen abstrusen Textschöpfungen bestimmt sind. Da ist die Rede von aufgehobenen Tonleitern und gebrochenen Akkorden, von Welpenschwänzchen im Oberhaus des britischen Parlaments und von selbstgebastelten Monden in Moll. Am Ende stellt McCartney die selbstironische Frage, was das zu bedeuten hat und was diese Songs mit ihm zu tun haben:

Picking up scales and broken chords
Puppy dog tails in the House of Lords
Tell me darling, what can it mean?

Making up moons in a minor key
What have those tunes got to do with me?
Tell me darling, where have you been?

Nach dem ersten Refrain enthält der Text Passagen zwischen Naturromantik und Impressionismus. Die bezaubernden Melodieabschnitte werden in der Folge tiefer ausgeleuchtet und auch variiert, indem McCartney sie ineinander verschachtelt und übereinander schichtet. Auch das instrumentale Arrangement ist fantasie- und effektvoll. Am meisten hervorzuheben ist jene Stelle, an der der Starviolinist Nigel Kennedy das Gitarrensolo aufgreift und ohne Bruch in seinen eigenen Solopart überleitet. Als Sänger schafft es Paul McCartney in dieser Ballade auf hervorragende Weise den unterschiedlichen Stimmungslagen von Text und Melodie Ausdruck zu verleihen. Insgesamt wurden nicht weniger als drei unterschiedliche Versionen des Songs veröffentlicht: die Single, eine Long Version (mit einem weiteren Solo am Schluss) und eine Extended Version (mit verzögertem Streicher-Intro und verlängertem instrumentalem Ausklang). Die beiden längeren Versionen erschienen auf Maxi-Singles. Jede dieser Fassungen hat ihren Reiz, die größten Einheit von Text und Musik spiegelt jedoch die Single-Version wider.

Fünf weitere Songs begleiteten als B-Seiten die Single-Veröffentlichung von „Once Upon A Long Ago“: Eine „Back On My Feet“ betitelte Gemeinschaftskomposition von Paul McCartney und Elvis Costello, das Traditional „Midnight Special“, der Duke Ellington-Klassiker „Don’t Get Around Much Anymore“ und die beiden Rock’n’Roll-Gassenhauer „Kansas City“ und „Lawdy Miss Clawdy“. Da die genannten Songs nicht direkt zum Album „All The Best!“ gehören, werden sie zu einem späteren Zeitpunkt in der Rubrik „McCartney – Bits And Pieces“ besprochen.

Die Idee, diesen Paul McCartney-Sampler „All The Best!“ zu betiteln, entsprang der Gewohnheit McCartneys, seinen Autogrammen – sofern er sich die Zeit nimmt – oftmals den Gruß „all the best!“ hinzuzufügen. Nimmt man den Albumtitel wörtlich, so kann er auf den Inhalt der Liedersammlung bezogen nur enttäuschen. „All The Best!“ enthält viele Hits des Ex-Beatles – nur nicht zwangsläufig seine besten Songs nach dem Ende der Beatles. Musikfreunde, die nicht gerade eingefleischte McCartney-Fans sind, sich ihm aber annähern wollen, könnten von dieser an den kommerziellen Erfolgen orientierten Zusammenstellung enttäuscht oder sogar abgestoßen werden. Wichtige Kompositionen wie z.B. „Dear Boy“, „Venus And Mars/Rock Show“ oder auch Kleinode wie „Single Pigeon“ oder „I’m Carrying“ fehlen. Das hochinteressante, aber kommerziell hinter den Erwartungen zurückgebliebene letzte Wings-Album „Back To The Egg“ ist auf „All The Best!“ vollständig ignoriert worden. Ein weiterer Beleg dafür (siehe „Press To Play“) wie sehr sich McCartney von der Vorstellung leiten lässt, dass kommerziell nicht Erfolgreiches auch nicht gut sein kann.

„All The Best!“ war dennoch ein Verkaufserfolg, denn zumindest im Vereinigten Königreich langte es zu Platz 2 der Albumcharts und Doppelplatin. In Deutschland war Platz 9 die beste Position, während es in den USA nur einen enttäuschenden Rang 62 gab. Die Single „Once Upon A Long Ago“ kam in den UK-Charts auf Platz 10 (übrigens McCartneys letzte Single in den UK-Top 10) und in Deutschland auf Platz 13. Somit hat dieser Song seine Berechtigung auf einem Album, dem der Titel „Greatest Hits“ besser zu Gesicht gestanden hätte.

Ein kostbares Sammlerstück ist die in der Promotion-Kampagne zu „All The Best!“ erschienene Box mit neun „Double-A-Side“-Singles:

allthebest_promoFoto: © Ansgar Bellersen

 

Anspieltipps:

Once Upon A Long Ago / Band On The Run / No More Lonely Nights / Live And Let Die / Another Day

Bewertung:

+

Pressestimmen:

„Aber wenn wir über McCartney den Singles-Zauberer sprechen, ist diese Compilation ideal, um die Vielseitigkeit des gefeierten Melodienschreibers, Bandleaders und Hitfabrikanten hervorzuheben (…) und Paul-McCartney-Fans werden Album-Titel wie „Picasso`s Last Words“ und „That Would Be Something“ vermissen.“  — Amazon.de

8 Kommentare zu 1987 – „All The Best!“

  1. Stefan sagt:

    Bei den Tracklists bin ich jetzt einigermaßen verwirrt. Das sich US-LP und die europäische LP im Tracklist voneinander unterscheiden, habe ich aus dem Text erschlossen, aber sind die CD Tracklists gleich? Wenn nicht tun sich gerade Lücken in meiner Sammlung auf.

    • admin admin sagt:

      Hi Stefan,
      deine Vermutung ist richtig: Auch die Songs der CDs sind unterschiedlich (du erkennst es eigentlich schon an der Cover-Vorderseite):

      Europa:
      – Jet
      – Band On The Run
      – Coming Up
      – Ebony And Ivory
      – Listen To What The Man Said
      – No More Lonely Nights
      – Silly Love Songs
      – Let ‚em In
      – C Moon
      – Pipes Of Peace
      – Live And Let Die
      – Another Day
      – Once Upon A Long Ago
      – Say Say Say
      – My Love
      – We All Stand Together
      – Mull Of Kintyre

      USA:
      – Band On The Run
      – Jet
      – Ebony And Ivory
      – Listen To What The Man Said
      – No More Lonely Nights
      – Silly Love Songs
      – Let ‚em In
      – Say Say Say
      – Live And Let Die
      – Another Day
      – C Moon
      – Junior’s Farm
      – Uncle Albert/Admiral Halsey
      – Coming Up
      – Goodnight Tonight
      – With A Little Luck
      – My Love

      Ist schon ein ziemliches Chaos.

      Viele Grüße,
      Ansgar 🙂

  2. Alexander Mehl sagt:

    Ich finde diese Wortschöpfungen bzw. Kreationen immer interessant und versuche den Hintergrund – meist hoffnungslos! – zu ergründen. Was meint der Songwriter damit? Ist es eine Ausdrucksweise, die nur in einem bestimmten Viertel von Liverpool gebräuchlich war oder ist und deren Sinn oder Unsinn sich mir (uns) nicht erschliessen kann, oder ist es reiner Nonsens der schlußendlich nur einen Reim darstellt! Einfach nur reinhören und geniessen ist m.E. ausreichend.

    • admin admin sagt:

      Hi Alex,
      obwohl es auch sehr spannend sein kann, über die Hintergründe solcher Merkwürdigkeiten oder generell über Texte zu spekulieren, ist es am Ende ja doch die Musik, die man genießen will. Da stimme ich dir zu.
      Viele Grüße,
      Ansgar 🙂

  3. Helmut Fitzthum sagt:

    Mich würde generell interessieren, woher Sie die Veröffentlichsdaten aller LP’s und CD’s hernehmen? Sind das die deutschen Veröffentlichsdaten? Weil Sie oftmals mit den britischen und/oder US-amerikanischen, die mir bekannt sind, nicht übereinstimmen. Ansonsten kann ich nur gratulieren zu der hervorragenden Website, die ich immer wieder gerne besuche! In diesem Sinne auch von mir „All The Best!“

    • admin admin sagt:

      Hallo Helmut,

      zunächst mal herzlichen Dank für das Lob. Freut mich, dass dir/Ihnen (das „Du“ wäre mir persönlich lieber) diese Seite gefällt.
      Das mit den Veröffentlichungsdaten ist so eine Sache. Wo es nur eben ging, habe ich mich nach dem deutschen Veröffentlichungstermin gerichtet, der sich ja meist von denen im UK und in den USA unterscheidet. In einigen Fällen liegen mir noch Pressemitteilungen vor, in anderen ist Amazon.de eine gute Hilfe und darüber hinaus habe ich mich bei diversen Diskografien bedient. Dass das – besonders, wenn es in die Spätsechziger oder in die Siebziger zurückgeht – nicht immer 100%-ig stimmen kann, ist klar. Würde ich den Inhalt dieser Seite für eine Buchpublikation verwenden, dann wäre selbstverständlich nochmal genaue Recherche angesagt.

      Beste Grüße,
      Ansgar

  4. Helmut Fitzthum sagt:

    Vielen Dank für die Info! Das mit dem „Du“ ist kein Problem…., bin da der selben Meinung. Habe da noch eine Frage: gibt’s schon Neuigkeiten zu der bevorstehenden neuen LP von Ringo, die im Feburar 2015 erscheinen soll?
    Grüße aus Wien! Helmut

    • admin admin sagt:

      Leider nein, Helmut. Es bleibt momentan bei der Annahme, dass der Nachfolger von „Ringo 2012“ frühestens im Februar 2015 erscheint. Obwohl ja gemeldet wurde, dass das Album im Grunde fertig ist, hoffe ich insgeheim, dass Ringo die Zeit genutzt hat um die Qualität von „Let Love Lead“ (wenn es denn so heißen wird) zu verbessern. Mir persönlich war im Grunde alles zu schwach, was nach der Mark Hudson-Periode veröffentlicht wurde. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt!

      Viele Grüße,
      Ansgar 🙂

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