1973 – „Mind Games“

Mind Games

Veröffentlicht:  16. November 1973
LP: Apple 1C 062 – 05 491 (Deutschland)
CD: EMI 7243 5 42425 2 6 (Digitally remixed and remastered)

Titel:
Mind Games / Tight A$ / Aisumasen (I’m Sorry) / One Day (At A Time) / Bring On The Lucie (Freda People) / Nutopian International Anthem / Intuition / Out The Blue / Only People / I Know (I Know) / You Are Here / Meat City
Bonus Tracks auf der remasterten CD: Aisumasen (I’m Sorry) – Home Version / Bring On The Lucie (Freda People) – Home Version / Meat City – Home Version

Während der Aufnahmen zu „Some Time In New York City“ und auch danach musste sich John Lennon mit einer Reihe von Problemen beschäftigen. Nicht nur, dass dem Album wenig Erfolg zuteil wurde – lediglich Platz 11 in England und Platz 48 in den USA – darüber hinaus stellte die größte Schwierigkeit dar, dass Lennon in den Augen der US-amerkanischen Machthaber unerwünscht war. Sogar das FBI überwachte Lennons Aktivitäten auf Schritt und Tritt und legte eine umfangreiche Akte an. Für sie war Lennon nicht nur ein unbequemer Zeitgenosse, sondern eine Gefahr für die öffentliche Ordnung. All das erschwerte erheblich John Lennons Kampf um die „Green Card“.

Anfang 1973 steckte John Lennon in einem schöpferischen Tief – indes Yoko Ono mit der Veröffentlichung von „Approximately Infinite Universe“ gleich ein Doppelalbum vorlegte. Eine künstlerisch sehr interessante Platte, die kommerziell jedoch wie alle Ono-Veröffentlichungen Kassengift war: Die höchte Position war Platz 193. Zu allem Überfluss erhielt Lennon im März 1973 die Aufforderung binnen 60 Tagen die USA zu verlasssen, seine Anwälte erreichten jedoch einen Aufschub gegen den Bescheid. Einen Monat später – die Lennons waren inzwischen Mieter im legendären New Yorker Dakota Building und gingen auf Distanz zu ihrem radikalen Aktionismus des Jahres 1972 – begann John mit Arbeiten an neuen Songs. Dies zog sich über den ganzen Sommer hin bis im August die Sessions dann abgeschlossen wurden.

Der Titelsong „Mind Games“ hatte eine längere Entstehungsgeschichte hinter sich und findet sich in Demos wieder wie „Make Love Not War“ und „I Promise“. „Mind Games“ war nach zwei Jahren Pause wieder ein sehr melodisches und durchdachtes Lied, das es durchaus mit den Highlights von „Imagine“ aufnehmen kann, blieb jedoch die einzige Singleauskopplung des Albums. Nicht zuletzt wegen des „Make Love Not War“ -Refrains kann „Mind Games“ zu den zentralen Statements seines Soloschaffens gezählt werden.

„Tight A$“ bewegt sich ganz ähnlich wie „Crippled Inside“ vom „Imagine“-Album in Gefilden des Bluesrocks. Textlich ein Leichtgewicht (es geht nach sehr langer Zeit mal nicht um einen bedeutungsschwangeren Inhalt) und auch musikalisch kein umwerfendes Stück, das aber ungeachtet dessen Spaß macht.  Dieser Eindruck betrifft in großen Zügen das komplette Album. Alles ganz nett, aber irgendwie hat es den Anschein, dass die Songideen an sich zwar überzeugen, die Umsetzung jedoch weniger gut gelang. Hier wünscht man sich entscheidenden Handgriff für Arrangement und produktionstechnischen Schliff, für den Paul McCartney bekannt war und ist. Neben dem Titelsong ist jedoch noch „Out The Blue“ hervorzuheben, eine wunderschöne Melodie die in der Einleitung, begleitet von einer akustischen Gitarre, sehr zart daherkommt, später dann aber durch das Arrangement vieles von ihrem Reiz verliert. Weibliche Backgroundstimmen (für die sich die Beatles nie begeistern konnten) wirken hier beispielsweise besonders aufdringlich. „Out The Blue“ bleibt dennoch ein leidenschaftlich dargebotener Lovesong, in dem John seine Hingabe zu Yoko und ihre vom Schicksal vorbestimme Begegnung beschreibt:

„Every day I thank the Lord and Lady
For the way that you came to me.
Anyway it had to be
Two minds one destiny.“

Um Yoko geht es auch in „Aisumasen (I’m Sorry)“. Ähnlich wie bei „Jealous Guy“ (1971) zeigt es John Lennon als reumütigen Partner, der seine Fehler einsieht und bereut. Interessanterweise trennten sich John und Yoko kurz bevor „Mind Games“ veröffentlicht wurde, insofern kommt Songs wie „Aisumasen“ besondere Bedeutung zu. Highlight in diesem Stück ist das hervorragende Gitarrensolo von David Spinozza. „One Day At A Time“ ist – wie könnte es anders sein – ebenfalls eine Ode an Yoko bzw. ein Song über ihre symbiotische Beziehung zueinander, gesungen mit Falsett-Stimme. Elton John, seinerzeit eng befreundet mit John Lennon, nahm übrigens kurz darauf seine eigene Version des Titels auf.

Zu einem kurzen Aufflackern politischer Agitation kommt es in „Bring On The Lucie (Freda People)“. Der Name wird nicht genannt, doch es darf gemutmaßt werden, dass Lennon sich hier gegen Nixon und seine Regierung wendete. Zu einer an Dylans „If Not For You“ erinnernde Slidegitarre wird Mantra-ähnlich „Freda People“ (umgangssprachlich für „Free The People“) von vielen Chorstimmen skandiert, kommentiert von John Lennons „Do it, do it, do it – now!“ Ein simpler Song, wie gemacht für Protestmärsche. „Nutopian National Anthem“, ein sechssekündiges Nichts, soll die Hymne des utopischen Staates Nutopia (ein Land ohne Grenzen) darstellen, dessen Gründung John und Yoko am 1. April 1973 ausriefen – und das sollte kein Aprilscherz sein! Dieser „Song“ wird nur noch übertroffen von „Two Minutes Silence“ (vgl. „Life With The Lions“).

Gut gelaunt und entspannt – das sind die Attribute, die „Intuition“ auszeichnen. Auch im Text geht es positiv zu:

„My intentions are good
(…)
I  try to make it better each and every day
(…)
The magic of the music seems to light the way“

Die in diesem Song transportierte Stimmung des relaxten, in sich ruhenden John Lennon findet sich deutlicher im Spätwerk „Double Fantasy“ (1980) wieder. „Only People“ geht zurück auf ein Statement, das Lennon in einer Sendung der Mike Douglas Show machte. Dort erklärte er die Bedeutung seines Songs „Imagine“ und sprach dabei davon, dass nur die Menschen selbst die Rettung der Welt in der Hand haben: „Only people can save the world“. Diese Aussage war die Grundlage von „Only People“, ein Lied, dass lediglich sagen will, dass Dinge in Erfüllung gehen, wenn man es nur wirklich will. Wie bei „Out The Blue“ tauchen hier wieder sehr dominante Background-Vocals auf, die dem Song eigentlich nicht gut tun.

Nach „Out The Blue“ und „Aisumasen (I’m Sorry)“ ist „I Know (I Know)“ der dritte direkt an Yoko gerichtete Song des Albums. John Lennon singt (ohne ins Detail zu gehen) von den Schwierigkeiten, die einem in einer Partnerschaft nicht erspart bleiben. Und wieder sieht er sich als Schuldiger: „… and I’m guilty (yes. I am) / But I never could read your mind“, ist aber hoffnungsfroh: „And I know it’s getting better (all the time)“. Der schwächste Titel des Albums ist wohl in „You Are Here“ zu sehen. In diesem monotonen Lied, beinhaltet erneut die John/Yoko-Thematik, diesmal gerichtet auf die geographische Herkunft der Beiden:

„From Liverpool to Tokyo
What a way to go
From distant lands, one woman one man
Let the four winds blow.“

Der rockige Abschluss des Albums weckt den Hörer aus seinem Schlummer: „Meat City“ steht in relativ starkem Kontrast zum gedämpften Tempo der meisten Songs des Albums. Kompositorisch absolut keine Glanzleistung, doch wegen seiner Tempiwechsel nicht uninteressant. „Aisumasen (I’m Sorry)“, „Bring On The Lucie (Freda People) und „Meat City“ als Demofassungen sind eine schöne Ergänzung der remasterten CD von „Mind Games“.

Anspieltipps:

Mind Games / Out The Blue

Bewertung:

Pressestimmen:

„Musically and melodically this may not be a stand-out album, but if you warm to the rasping voice of Lennon, it will be enjoyable and even important“     – New Musical Express
„Great single, patchy album. Lennon sounds like he’s sleepwalking through Mind Games.“    – Q magazine
„Eines von Lennons unbefriedigensten Werken.“    – Rolling Stone

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